Gemeinsam nach vorn: Die Ausbildungsgemeinschaft

Die Ausbildung zum Segelflugpiloten ist eine aufwendige Sache: Schulungsflugzeuge, Fluglehrer, Prüfer, Theorieunterricht, Unterrichtsmaterialien – all das muss bereit gestellt und von den ausbildenden Vereinen gestemmt werden. Aus diesem Grund beschließen drei der vier Segelflugvereine in Merzbrück, eine Ausbildungsgemeinschaft zu gründen: Der LVA, die Segelfluggruppe Nordstern und die Flugwissenschaftliche Vereinigung (FVA). Zwei Jahre später kommt der Luftsportverein Düren hinzu, der in Bergstein in der Eifel einen eigenen Segelflugplatz mit Windenbetrieb hat. Die gemeinsame Ausbildung ist mittlerweile eine völlige Selbstverständlichkeit – ein neues Gemeinschaftsgefühl entsteht über die Vereinsgrenzen hinweg.

Eine schwebende Sensation: Das Luftschiff "Graf Zeppelin" über dem Dom von Aachen. Unten rechts Zuschauer auf Häuserdächern (Foto: Forschungsflugplatz Würselen-Aachen GmbH, SW-Original und Farbversion des Bildes mit KI-Unterstützung restauriert und koloriert)

„Befreiung vom Joch der Besetzung“: Der Rheinland-Befreiungsflug

Nur wenige Tage nach der Eröffnung des Flugplatzes wird Merzbrück Teil des ersten großen Flug-Events: als Etappe des zweitägigen Rheinland-Befreiungsflugs, ausgerichtet vom Kölner Luftfahrt-Verein mit dem LVA als Co-Ausrichter. Das Ereignis ist als sportlicher Wettbewerb ausgerufen – mit Luftrennen sowie Orientierungs-, Pünktlichkeits-, Ziellande- und (aus heutiger Sicht) einigermaßen kurios: Postsackabwurf-Aufgaben. Aber es geht nicht nur darum, mehr oder weniger sinnbeladene Geschicklichkeitsprüfungen zu bestehen. Schon der Titel macht die politische Dimension deutlich: Der Flug ist gedacht als eine Art symbolischer Inbesitznahme des wiedergewonnen Territoriums entlang des Rheins. Dafür macht auch ein besonderer Gast im Grenzland Station: Das Luftschiff „Graf Zeppelin“.

Luftaufnahme der Stadt Chauvigny mit Flugplatz (Foto: Günther Lücker)

Auf die deutsch-französische Freundschaft! Fliegerlager in Chauvigny

Ancenis, Issodun, Loudun, Puimoisson – seit den 1970ern zog es den LVA im Sommer immer wieder kollektiv nach Frankreich. Nirgendwo aber entstehen engere Beziehungen zu den einheimischen Fliegern als in Chauvigny, wo die Aachener 1981 zum ersten Mal ihre Zelte aufschlagen. Gleich im ersten Jahr entwickelt sich eine enge Freundschaft, die in den folgenden Sommern mit Empfängen beim Bürgermeister, gemeinsamen Feiern und Gegenbesuchen gefestigt wird. Anderthalb Jahrzehnte lang, bis Mitte der 1990er, heißt das Ziel für das LVA-Fliegerlager deshalb selbstverständlich Jahr für Jahr: Chauvi!

Trennung des wohnlichen Waggonaufbaus vom fahrbaren Untersatz. Letzterer hat zwar nur noch Schrottwert, aber der Schrott ist einiges Wert und dient der Kompensation für die Dienste des Kranverleihs (Foto: LVA, SW-Original mit KI-Unterstützung restauriert)

Letzter Halt: Flugplatz

200 Mitglieder und kein Treffpunkt jenseits des Flugbetriebs – das ist Jahrzehntelang der unbefriedigende Zustand für den LVA. Am 7. Juni 1980 ändert sich das: Angrenzend an den Hallenblock auf der Ostseite des Flugplatzes wird das neue Clubheim eröffnet, errichtet gewissermaßen in Fertigbauweise. Es handelt sich um einen ausrangierten Eisenbahnwaggon der Deutschen Bundesbahn. Das ist zwar unorthodox, aber sowohl zweckmäßig als auch urgemütlich. 10 Jahre lang wird der Waggon zum Zentrum des Vereinslebens.

Das fliegende Klassenzimmer

LVA-Mitglied und Schuldirektor Paul Speitkamp gründet in Kooperation mit dem LVA eine Schülerfluggemeinschaft am Aachener Couven-Gymnasium, mit großem Erfolg: In den ersten Jahren fliegen bis zu 30 Schüler vom Couven in Merzbrück. Für die fliegerische Ausbildung steht dem LVA zusätzlich zum eigenen Doppelsitzer eine von der Stadt Aachen gestellte Ka 7 zur Verfügung. Einige einstige Couven-Schüler fliegen bis heute beim LVA.

So schafft man es in die "Bildzeitung": Artikel über die "Notlandung" von LVA-Fluglehrer Tobias Bieneck gleich neben einer Granate aus dem Zweiten Weltkrieg. (Quelle: Bildzeitung vom Mai 2011, genaues Datum unbekannt)

Bombenstimmung auf dem Acker

Auch wenn die Lokalpresse dann gern von „Notlandung“ schwadroniert: Eine Außenlandungen mit dem Segelflugzeug ist meist völlig unspektakulär – eine eingeübte Standardprozedur des Überlandfliegers. Landen, Flugzeug checken, gegebenenfalls Landwirt informieren, auf Rückholer warten.

Nach dieser Außenlandung muss LVA-Fluglehrer Tobias Bieneck dann aber doch mal durchatmen, nachdem er von einigen Jugendlichen auf den seltsamen Gegenstand aufmerksam gemacht wird, der nur wenige Zentimeter neben der linken Flügelspitze seiner „Hornet“ im Acker liegt.
Trotzdem schafft es die Meldung über die vermeintliche Notlandung neben Militärmunition bis in die Bildzeitung, samt Folgeartikel ein paar Tage später („Jetzt sprich der Pilot über seine brenzlige Landung“).

Merzbrück aus der Luft im Jahr 1931 (Foto: Stadtarchiv Aachen Foto 61-763 SW-Original und Farbversion des Bildes KI-bearbeitet)

Aus allen Himmelsrichtungen: Sternflug nach Aachen

Auf Einladung des LVA kommen in Merzbrück zum ersten Mal fast 40 Flugzeuge aus dem In- und Ausland zusammen, zwei Tage lang und im „Geiste[…] der Verständigung und Annäherung zwischen den deutschen und Ausländischen Sportfliegern“, wie die Presse schreibt – , Stadtrundfahrt, Galadiner und Empfang beim Oberbürgermeister inklusive.

Ehrung auf großer Bühne: Hans-Josef Bülles vom Stadtsportverband Würselen (links)und Bürgermeister Roger Nießen (rechts) überreichten Urkunden und Medaille an das Bundesliga-Team (v.l.n.r.): Max Klomp, Lukas Pirig, Wilhelm Alexander Klomp, Nils Landmesser (weitere Teammitglieder: Kevin Lippold, Linus Baur, Alexander Treptow)

Ausgezeichnete Leistung

Im Januar ehrt die Stadt Würselen die Juniorenmannschaft des Segelflugzentrums Aachen (SFZ) mit Sportler-Medaille. Die Nachwuchs-Piloten hatten in den beiden Jahren zuvor einen guten Lauf und landeten nach heiß umkämpften 18 Wertungstagen in der Deutschen Segelflug-Bundesliga 2023 auf dem ersten, 2024 auf dem zweiten Rang. Bei der Preisverleihung in der Aula der Würselener Gesamtschule waren die Segelflieger die Exoten unter den Geehrten und viele der Anwesenden Gäste sichtlich erstaunt darüber, dass Segelfliegen nicht nur ein Freizeitvergnügen, sondern Leistungssport sein kann.

Verhinderter Hallenbau: Ein Sturm macht dem Projekt LVA-Halle kurzzeitig einen Strich durch die Rechnung (Foto: Günther Lücker)

Vom Winde verweht: Eine Flugzeughalle für den LVA

Die Landeshalle aus den 1950er Jahren bietet zu wenig Platz für den wachsenden Flugzeugpark. Der erste Versuch vereinseigenen Hallenbaus wird allerdings von einem Sturm zunichte gemacht: Noch bevor die Tore installiert sind, greift eine kräftige Windböe unter das Hallendach, hebt die Holzpfosten aus der Verankerung und dreht die gesamte Konstruktion um 180 Grad, sodass das Dach hinter dem Bauplatz umgedreht zum Liegen kommt. Der zweite Versuch mit Betonfundamenten zwei Monate später hält zum Glück – bis heute.

Die neue Elektrowinde ESW 2B. Der Strom kommt aus der Steckdose und wird gesponsert. Damit kommen die Aachener Segelflieger nachhaltig und umweltfreundlich in die Luft (Foto: Rudi Mathar)

Zurück zu den Anfängen: Merzbrück wird wieder Windenplatz

Taufe der blitzneuen Elektrowinde ESW-2B. Zu Beginn der 1950er begann der reguläre Segelflugbetrieb in Merzbrück mit einer selbst gebauten Winde. Sieben Jahrzehnte später ist es wieder soweit, nur ist die Winde diesmal elektrisch (und nicht selbst gebaut): Die neue, lange Startbahn macht’s möglich.