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1981

Sommer

Auf die deutsch-französische Freundschaft! Fliegerlager in Chauvigny

Startvorbereitungen in Chauvigny 1983 (Foto: Manfred Schultz)
Startvorbereitungen in Chauvigny 1983 (Foto: Manfred Schultz)

Ancenis, Loudun, Issodun, Puimoisson – seit den 1970ern zieht es den LVA im Sommer immer wieder kollektiv nach Frankreich. Nirgendwo aber gibt es engere Beziehungen zu den einheimischen Fliegern als in Chauvigny, einer kleinen alten Stadt in der Nähe von Poitiers. Dort schlagen die Aachener 1981 zum ersten Mal ihre Zelte auf. Gleich im ersten Jahr entwickelte sich eine enge Freundschaft, die in den folgenden Sommern mit regelmäßigen Empfängen beim Bürgermeister, gemeinsamen Festen und Gegenbesuchen gefestigt wurde, unmäßiger Genuss von landestypischen Speisen und Getränken inklusive.

Jedes Frühjahr die gleiche Frage: Wohin ins Sommerlager? Anderthalb Jahrzehnte lang lautet die Antwort für den LVA glasklar: „Chauvi“. Die Idee eines Fliegerlagers in Frankreich ist für Segelflieger naheliegend: Juli und August sind im Allgemeinen zuverlässig warm und weniger wechselhaft als in Deutschland , die Thermik dementsprechend verlässlicher, die Außenlandefelder groß – und der Wein besser als im Siegerland. Kurz: Das echte Savoir Vivre fühlt sich einfach mehr nach Urlaub an als in germanischen Mittelgebirgen (wobei man sich in Schameder jahrelang auch gut aufgehoben gefühlt hat).

Herwig „Panne“ Pannenberg (links) erkundete bereits in den 1970er Jahren die Möglichkeiten, in Frankreich zu fliegen. (Foto: Manfred Schultz)
Herwig „Panne“ Pannenberg (links) erkundete bereits in den 1970er Jahren die Möglichkeiten, in Frankreich zu fliegen. (Foto: Manfred Schultz)

Pionier der jährlichen Frankreich-Expeditionen wird LVA-Mitglied Herwig Pannenberg. Bereits Mitte der 1970er Jahre testet er mit der Bundeswehr-Fluggruppe die Flugbedingungen in Ancenis, an der Loire-Mündung. In den folgenden Jahren lockt er einige Aachener Fliegerkameraden zur Atlantikküste. Grundsätzlich herrscht Begeisterung über die fliegerischen Bedingungen, allerdings birgt die Nähe zum Ozean einige Widrigkeiten mit sich bei der abendlichen Heimkehr vom Flug landeinwärts: „Abends gibt es den Seewind,“ erklärt Rudolf Zeller, der damals auch in Ancenis fliegt. „Der Wind kommt vom Meer und wenn man einen Überlandflug macht, muss man sich abends, wenn die Aufwinde schwach sind, gegen den Wind vorkämpfen.“ Auf Dauer ist das lästig.

Um dem Abhilfe zu verschaffen, schicken die Frankreichflieger 1980 einen kleinen Spähtrupp los, um mögliche Alternativen zu erkunden. Knapp 200 Kilometer südöstlich finden sie den kleinen Flugplatz Chauvigny, östlich von Poitiers und weit genug von der Atlantikküste entfernt. Es handelt sich zwar um einen reinen Motorflugplatz mit nur einer handvoll Maschinen, aber das ist kein Hindernis, wie sich schnell herausstellt. Rudi Zeller: „Wir kamen dann mit den Fliegern in Kontakt und Chauvigny ist eine relativ kleine Stadt, da kennt jeder jeden. Deshalb gab es auch schnell Verbindung zur örtlichen Politik, zum Bürgermeister.“ Der ist selbst Mitglied im Fliegerclub und bedeutet den Aachenern umstandslos: Wenn Ihr Eure Schleppmaschine mitbringt, könnt Ihr hier Ferienlager machen. „Anfangs hatten wir noch Bedenken, weil F-Schlepp ja Krach macht. Aber die haben sofort gesagt: ‚Nee, nee, das ist toll, wenn man weiß, dass da irgendwas passiert.‘“ 

Für den offiziellen Erstkontakt musste LVA-Vorsitzender Rudi Zeller all seine Französischkenntnisse zusammenkratzen, um per Schreibmaschine den Brief an die Stadt Chauvigny aufzusetzen. (Foto: Manfred Schultz)
Für den offiziellen Erstkontakt musste LVA-Vorsitzender Rudi Zeller all seine Französischkenntnisse zusammenkratzen, um per Schreibmaschine den Brief an die Stadt Chauvigny aufzusetzen. (Foto: Manfred Schultz)

Also zieht im Sommer 1981 eine Karawane aus Wohnwagen- und Flugzeuganhänger-Gespannen, VW-Bullis und bis unters Dach vollgepackten Opel Kadetts von Aachen aus ins 800 Kilometer entfernte Südwestfrankreich. Die Robin Remorqueur kommt im Direktflug hinterher und landet gleich auf dem Flugplatz, oberhalb der Stadt. Weil es auf dem kleinen Berg weder Campingplatz noch sanitäre Einrichtungen gibt, dürfen die Deutschen ihr Lager unten in der Stadt aufschlagen, gleich am Flüsschen Venant. „Da hatte man extra eine Wiese für uns organisiert, wo wir unsere Zelte aufbauen konnten“, erinnert sich Manfred Schultz an das erste Sommerlager. „Und oben war das Wetter meistens so schön, dass man die Segelflugzeuge aufgebaut lassen konnte.“

Der Empfang des Expeditionscorps aus Aix-la-Chapelle (französischer Name für Aachen) fällt ausnehmend herzlich aus, wie es in der LVA-Jahresschrift von 1981 heißt: „Innerhalb von kürzester Zeit hat sich ein sehr enges, freundschaftliches Verhältnis zu den Franzosen, insbesondere zu den Mitgliedern des dortigen Aero-Clubs entwickelt.“ So eng sogar, dass die Gäste beschließen, das traditionelle Blümchenessen(*) gemeinsam mit ihren Gastgebern zu verbringen.

Die kümmern sich umgekehrt herzzerreißend um die Deutschen. So liest man im LVA-Jahresbericht: „Da wurde für uns eine Schloßbesichtigung durchgeführt und ein Hammelessen organisiert. Nicht vergessen sollten wir auch die Ehrenmedaillen, die uns verliehen wurden. Sie wurden durch den Bürgermeister der Stadt persönlich überreicht.“ Letztere Aufgabe verrichtet der Bürgermeister in leicht lädiertem Zustand, denn ein LVA-Mitglied „hatte ihm kurz zuvor etwas zu eindringlich gezeigt, wie gut er fliegen könnte.“

Campingidylle am Fluss : Eigens für die Deutschen wurde eine Wiese unterhalb der Stadt zum Campingplatz umfunktioniert. (Foto: Manfred Schultz)
Campingidylle am Fluss : Eigens für die Deutschen wurde eine Wiese unterhalb der Stadt zum Campingplatz umfunktioniert. (Foto: Manfred Schultz)

Ansonsten scheinen sich die Aachener benommen zu haben, denn im nächsten Jahr dürfen sie wieder kommen und begründen damit eine lange Tradition im Geiste der deutsch-französischen Freundschaft: „Es gab jedes Jahr einen Bürgermeisterempfang im Rathaus mit Wein und Sekt“, erzählt Manfred Schultz. „Der ganze Verein ging dahin. Wir waren immer sehr willkommen bei den Franzosen.“ Umgekehrt auch, denn Gegenbesuche der französischen Seite bleiben nicht aus. Und auch abseits des jährlichen Sommerlagers entwickeln sich freundschaftliche Kontakte zwischen einzelnen LVA-Mitgliedern und Einwohnern von Chauvigny, die über Jahrzehnte Bestand haben. Rudi Zeller: „Es war ein richtig gutes Verhältnis, was dann da entstanden ist.“

So ganz genau weiß niemand mehr zu erklären, warum die Aachener Fliegerkarawane Mitte der 1990er weitergezogen ist. War es einfach die Lust auf Abwechslung? Jedenfalls wurde zunächst der Flugplatz Loudun angesteuert, danach für einige Jahre Issoudun, und schließlich Puimoisson in den französischen Alpen. Die haben allerdings den Nachteil für Fluganfänger, bisweilen recht hoch in die Landschaft hinein zu ragen und sind dementsprechend schwierig zu befliegen. Aus diesem Grund, und weil Fliegen in Frankreich zwischenzeitlich teuer geworden ist, kehrt der LVA nach einzelnen Sommerlagern in Polen mittlerweile wieder zum bewährten Konzept des Fliegerlagers in Deutschland zurück.

Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwann wieder (fliegerischen und kulinarischen) Appetit auf Frankreich. Und warum dann nicht an die alten Bande in „Chauvy“ anknüpfen? 

*Ein Blümchen (für die Jüngeren unter uns) ist ein Euphemismus und einstmaliges Disziplinierungsinstrument für notorisch dösbaddelige Segelflieger (also alle). Es fällt jedes Mal an, wenn ein Pilot einen für den Flugbetrieb relevanten Fehler macht (Klassiker: Haube offen gelassen und weg gegangen, Kuller vor dem Start nicht abgemacht, ohne Hütchen ins Cockpit gestiegen etc.), aber auch, wenn es etwas zu feiern gibt (erster Alleinflug, Typenfliegen, PPL-Prüfung). Anstatt diese Blümchen am gleichen Abend in alkoholische Getränke für alle Anwesenden umzusetzen, werden die anfallenden Blümchen während des Fliegerlagers gesammelt, in eine Blümchenkasse eingezahlt, und beim sogenannten Blümchenessen zu einem kleinen Teil in Grillgut und Kartoffelsalat investiert und zum deutlich größeren Teil in den guten Wein von der Loire.“

Bei solchen Cumulanten am Himmel wird der Segelflieger nervös... (Originalbild mit Hilfe von Ki restauriert. Foto: Manfred Schultz)
Bei solchen Cumulanten am Himmel wird der Segelflieger nervös… (Originalbild mit Hilfe von Ki restauriert. Foto: Manfred Schultz)