5. Juli
„Befreiung vom Joch der Besetzung“: Der Rheinland-Befreiungsflug
Nur wenige Tage nach der Eröffnung des Flugplatzes wird Merzbrück Teil des ersten großen Flug-Events: als Etappe des zweitägigen Rheinland-Befreiungsflugs, ausgerichtet vom Kölner Luftfahrt-Verein mit dem LVA als Co-Ausrichter.
Das Ereignis ist als sportlicher Wettbewerb ausgerufen – mit Luftrennen sowie Orientierungs-, Pünktlichkeits-, Ziellande- und (aus heutiger Sicht) einigermaßen kurios: Postsackabwurf-Aufgaben. So heißt es in der Wettbewerbsausschreibung zu letzterem Punkt: „In Aachen ist ein Postbeutel an Bord zu nehmen. Postabgabe und Postaufnahme hat (…) auf den Zwangslandeplätzen zu erfolgen, wo jeweils ein Aufenthalt von höchstens 10 Minuten zugebilligt wird. Es haben zu landen: in Krefeld—Uerdingen alle Flugzeuge, in Gladbach—Rheydt die der Klassen III und IV, in Duisburg—Hamborn die der Klassen I und II. In Eschweiler ist eine Wendemarke anzufliegen. In Essen/Mülheim ist der Postbeutel vor der Landung in ein abgestecktes Zielfeld abzuwerfen.“
Aber es geht nicht nur darum, mehr oder weniger sinnbeladene Geschicklichkeitsprüfungen zu bestehen. Schon der Titel macht die politische Dimension deutlich: Der Flug ist gedacht als eine Art symbolischer Inbesitznahme des wiedergewonnen Territoriums entlang des Rheins.

In mehreren Teilstrecken geht es für die über 80 teilnehmenden Flugzeuge von Köln über Wiesbaden und Worms hinunter nach Kaiserslautern, dann über Trier und Aachen hinauf an den Niederrhein nach Krefeld und Duisburg, ins Ruhrgebiet bis nach Essen und endet in Düsseldorf, insgesamt 775 Kilometer. Schon Tage zuvor meldet die Presse begeistert, dass die Zahl der Anmeldungen deutlich die Zahl der freien Plätze übersteigt: 10 Anmeldungen mussten abgewiesen werden. Schließlich sind es aber dann doch nur 54 gemeldete Maschinen, von denen 49 auch tatsächlich zum Flug starten (technische Probleme dürften dabei die größte Rolle gespielt haben).
Aus Aachen nehmen vier Maschinen am Befreiungsflug teil: die drei Flugzeuge der Flugwissenschaftlichen Vereinigung und das vom Luftfahrt-Verein Aachen. Die FVA-Flugzeuge belegen in der Gesamtwertung die ersten drei Plätze und räumen damit die meisten Preise ab. Die können sich sehen lassen: Auf den Sieger in der Gesamtwertung wartet ein „4 PS-Zweisitzer Opel 1930, gestiftet von der Adam Opel A.-G., Rüsselsheim“, der Zweitplatzierte erhält 1000.- Reichsmark, der dritte 800.-Mark. Der Luftfahrt-Verein Aachen muss sich mit dem 11. Platz zufrieden geben, erhält dafür aber immerhin noch 250.- Reichsmark. Wer die Junkers A50 des LVA geflogen ist, lässt sich leider nicht mehr ermitteln.
Jenseits der sportlichen Herausforderung geht es darum, ein Zeichen zu setzen: Der Rheinland-Befreiungsflug ist weniger ein technisches oder flugsportliches Ereignis als ein propagandistisch aufgeladenes Zeichen für den Anspruch, die Folgen von Versailles rückgängig zu machen.
In Deutschland hatte das vorzeitige Ende der Besatzung durch die Siegermächte eine Welle nationaler Begeisterung ausgelöst, die als „Befreiungsjahr“ gefeiert wurde. Der „Befreiungsflug“ gehört in diese Reihe von Festakten als „Huldigung der deutschen Luftfahrt, insbesondere des deutschen Luftsports an die Bevölkerung der ehemals besetzten Gebiete“, wie es in der Presse heißt:
„Mit den Ländern am Rhein feiert in diesen Tagen ganz Deutschland die Befreiung der besetzten Gebiete vom Joch fremdländischer Besatzung.“ (Aachener Anzeiger)

Auch für die deutsche Luftfahrt sei die Räumung des besetzten Gebietes von weitreichender Bedeutung, kommentiert der Aachener Anzeiger am 5. Juli und gibt seiner Freude Ausdruck, dass „die rheinischen Luftfahrtvereine gemeinsam mit dem Deutschen Luftfahrt-Verband den Entschluss fassten, den Einwohnern des befreiten Gebietes gleichzeitig den Dank und die Mitfreude des übrigen Deutschland und die (…) erzielten Fortschritte auf dem Gebiet der zivilen Luftfahrt in machtvoller Kundgebung vor Augen zu führen.“
Der zweitägige Etappenrundflug inszeniert sich so als symbolischer Wiederinbesitznahme des von den Alliierten besetzten Gebietes, eben als Akt nationaler Befreiung. In diesem Geiste ist auch der zugelassene Teilnehmerkreis strikt reguliert. In der Ausschreibung heißt es: „Zugelassen sind Bewerber, Flugzeugführer und Orter, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen oder der deutschen Kulturgemeinschaft angehören.“ Zu den Teilnahmebedingungen gehört zudem, dass die Flugzeuge in Deutschland gebaut sind und eine deutsche Zulassung haben.
„Buntes, wogendes Leben auf dem weiten Platz.“
Unterstrichen wird dieser nationale Geist mit dem Besuch des Graf Zeppelin am gleichen Tag, ebenfalls unter der Überschrift „Rheinland-Befreiungsfahrt“. Auch das mächtige Luftschiff soll in Merzbrück landen. Und so strömen am 6. Juli 1930 bei fast wolkenlosem Himmel 16.000 Schaulustige zum frisch eingeweihten Flughafen, um die angekündigten Befreiungsflieger und den 237 Meter langen Zeppelin zu bestaunen. Von einer „stolzen Fliegerparade“ und von „Tausenden in angeregter, erwartungsvoller Stimmung“ berichtet die Aachener Presse in ganzseitigen Artikeln:
„Schon in aller Herrgottsfrühe trafen gestern die ersten Besucher auf Merzbrück ein. Aachen hatte sein Ereignis, Begeisterung beseelte Tausende und Tausende. Begeisterung über die Befreiung des Rheinlandes, die solch ein Paradezug von Flugzeugen feierte; Begeisterung über die Ehre, die Aachen durch den Besuch so vieler Flugzeuge, vor allem durch (…) den Zeppelin zuteil wurde. Um 7 Uhr morgens setzte ein Massenverkehr auf der Jülicherstraße ein. (…) Auto auf Auto flog die Landstraße nach Weiden hinauf. Welch Ereignis gibt es noch, daß in Aachen in den frühesten Morgenstunden schon Tausende auf die Beine brächte!“ (Aachener Anzeiger)
Zu diesem Zeitpunkt parken bereits über 1000 Automobile und Motorräder und um die 3000 Fahrräder rund um Merzbrück, die 3-4000 Besucher dorthin befördert haben. Aber die Helden der Lüfte sind früh angekündigt. Zwischen 8 und 10 Uhr landen 43 Teilnehmer des Befreiungsfluges. Wo der Rest der Teilnehmer abbleibt, ist nicht ganz klar, vermutlich technische Probleme. Dennoch, zeitweise sind 10 Flieger gleichzeitig in der Luft zu beobachten, wie der Berichterstatter zufrieden feststellt. Als die Flugzeuge wieder aufbrechen, um ihre weiteren Tagesaufgaben zu bewältigen, wird ihm ganz lyrisch ums Herz:
„In sachtem Fluge hoben sich die Flugzeuge, und die Flügel schillerten hell in der Sonne: Rechts von der wehenden Startflagge fuhren sie alle gegen den Wind. Ein letzter Gruß den Fahrern in Sturmhaube und Schutzbrille: Hals- und Beinbruch! Schon wiegen sich die Flugzeuge wie Schwalben am Himmel. Das letzte Flugzeug ist gestartet. Es ist Frl. Liesel Bach. Ein letzter Gruß und der Flugplatz ist leer.“

Und bleibt auch erst mal leer. Eigentlich hätte zu diesem Zeitpunkt der Graf Zeppelin längst hier sein sollen. Aber wie das so ist mit den VIPs dieser Welt: Ihre Ankunft verzögert sich bisweilen, so auch in diesem Fall. Das erhöht zwar die Spannung, aber nur eine Weile lang. Zwischenzeitlich lässt sich das groß angekündigte Riesenflugzeug Junkers G38 über Merzbrück blicken und zeitigt beim wartenden Publikum Hochrufe und Tücherwinken. Die Stippvisite bleibt allerdings hinter den Erwartungen zurück, weil sich der Pilot des damals größten Verkehrsflugzeuges der Welt nicht zu einem Überflug in niedriger Höhe hinreißen lässt, so dass das Fußvolk am Boden „seine gewaltigen Ausmaße nicht einmal gebührend würdigen und bestaunen konnte“, wie der Reporter des Aachener Anzeigers enttäuscht notiert.
Als gegen Mittag dann noch klar wird, dass sich der Graf Zeppelin wohl erst in zwei Stunden einfinden wird, wälzt sich bald die Blech- und Drahtesel-Lawine zurück nach Aachen, um den Graf Zeppelin von dort aus zu bestaunen, sollte er sich denn noch einstellen. Und in der Tat, im Nachmittag kommt die lang ersehnte Erlösung, wenn auch ohne die vorgesehene Zwischenlandung in Merzbrück:
„Donnerndes Motorengeräusch verkündet um 3 Uhr sein Nahen. (…) In langsam majestätischem Flug überquerte er die Stadt, der Begeisterung aller Aachener gewiß. Hoffentlich können wir ihn noch recht oft begrüßen. Der Luftfahrtgedanke lebt. Aachen hat Anschluß an das Luftmeer. Neue Perspektiven öffnen sich.“
Auch über Monschau und Umgebung wird der Luftfriese an diesem Tag gesichtet – und: über Eupen. Damit habe sich „ein lang gehegter Wunsch der Bevölkerung erfüllt“, berichten die lokalen Zeitungen. Über die fliegerische Attraktion hinaus ist diese Stippvisite politisch besonders symbolträchtig: Seit Ende des Ersten Weltkrieges gehört die Region Eupen/Malmedy nicht mehr zum Deutschen Reich beziehungsweise zur Weimarer Republik. Wie im Versailler Vertrag festgelegt, musste Deutschland das Gebiet 1920 an Belgien abtreten, nach einer (von vielen als äußerst zweifelhaft bewerteten) Volksbefragung wurde es 1925 endgültig nach Belgien eingegliedert. Zeppeline aber stehen seit Jahrzehnten wie kaum eine zweite technische Entwicklung als Symbol für den Macht- und Führungsanspruch Deutschlands in Europa. Auch wenn es in der Berichterstattung der Tagespresse nirgendwo explizit erwähnt wird, dürfte niemand der revisionistische Unterton dieses unerwarteten Besuchs verborgen geblieben sein.
„Aachen ist frei“
Doch damit sind die Feierlichkeiten nicht beendet: Anfang Dezember starten noch einmal „Flugzeuggeschwader“ (Presse) zu einer ganzen Reihe von „Befreiungsflügen“ über die Grenzregion. Eingeladen hat diesmal die Flugwissenschaftliche Vereinigung Aachen (FVA), zahlreiche Akaflieger aus ganz Deutschland kommen dazu nach Merzbrück. In der Fachzeitschrift Flugsport heißt es dazu:
„Die Flugzeuge trugen sämtlich auf den Tragflächen die Beschriftung „Aachen ist frei“. Die eine Flugzeuggruppe, aus den langsameren Maschinen zusammengesetzt, flog über Düsseldorf, Neuß, Grevenbroich, Jülich nach Aachen, die andere schnellere Gruppe über Düsseldorf, Krefeld, Viersen, M.-Gladbach, Rheydt, Odenkirchen, Erkelenz, Gelsenkirchen.
Am Sonntag, den 1. Dezember, starteten die Gruppen um 11 Uhr zum Geschwaderflug über Aachen, Eschweiler, Stolberg, Düren, Jülich. Am 2. Dez. wurde mittags nochmals ein Geschwaderflug von längerer Dauer über Aachen ausgeführt. Durch Vereinbarung mit den Behörden waren die Flugzeiten am Sonntag so festgelegt, daß das Erscheinen der Flugzeuge überall mit den örtlichen Befreiungsfeiern zusammentraf. Wie aus den Berichten der Tageszeitungen zu entnehmen war, hat der Gedanke, die Kunde von der Befreiung Aachens durch Flugzeuge überall hin zu tragen, begeisterte Anerkennung gefunden.“
Tags drauf lädt Professor Theodor von Karman nachmittags zum Begrüßungstee nach Aachen ins Aerodynamische Institut. Auch der Rektor der Technischen Hochschule gibt sich die Ehre, ebenso Oberbürgermeister Rombach. Professor Junkers lässt per ausführlichem Telegramm Grüße aus Dessau ausrichten.
Die große Begeisterung in der Bevölkerung bei den Aktionen und Feierlichkeiten zur sogenannten Rheinland-Befreiung und die breite Unterstützung aus politischen und akademischen Kreisen zeigen, wie weit verbreitet das nationale Sentiment war und wie groß das Gefühl der Befriedigung, die tief empfundene Ungerechtigkeit des Versailler Friedensvertrages zumindest in Teilen revidiert zu sehen.
Quellen:
Aachener Anzeiger vom 7.7.1930
Aachener Beobachter, amtliches Kreisblatt für die Stadt und den Kreis Aachen vom 6.11.1933
Echo der Gegenwart vom 16.6.1930 und 30.6.1930
Kölner Lokal-Anzeiger vom 1.6.1930
Stadtarchiv Aachen, PRZ 12 – 103
Zeitschrift Flugsport, Ausgaben 1/1930 und 15/1930

