Frühsommer
Letzter Halt: Flugplatz

200 Mitglieder und kein Treffpunkt jenseits des Flugbetriebs – das ist Jahrzehntelang der unbefriedigende Zustand für den LVA. Am 7. Juni 1980 ändert sich das: Angrenzend an den Hallenblock auf der Ostseite des Flugplatzes wird das neue Clubheim eröffnet, errichtet gewissermaßen in Fertigbauweise. Es handelt sich um einen ausrangierten Eisenbahnwaggon der Deutschen Bundesbahn. Das ist zwar unorthodox, aber angesichts der Kassenlage sowohl zweckmäßig als auch erfreulich gemütlich. 10 Jahre lang wird der Waggon zum vielgenutzten Zentrum des Vereinslebens.

Ein Eisenbahnwaggon als Clubheim? Für einen Luftsportverein scheint die Idee nicht direkt naheliegend. Sie stammt von LVA-Mitglied Josef Genter. Der ist beruflich nicht nur Bahnmitarbeiter, sondern hat auch noch die notwendigen Kontakte und Möglichkeiten, um nicht nur einen geeigneten Kandidaten im Bestand des Staatskonzerns ausfindig zu machen, sondern gleich auch noch den Transport des unhandlichen Transportmittels zu seinem Altersruheplatz zu organisieren. Angesichts von Ausmaß und Gewicht des künftigen Clubheims von rund 15 Tonnen bedeutet das eine durchaus aufwändige logistische Herausforderung.
Glücklicherweise führt ein Gleis am östlichen Platzrand entlang, so dass das künftige Fliegerzuhause – wie es sich für einen Eisenbahnwaggon gehört – auf eigenen Rädern direkt bis vor die Flugplatzeinfahrt rollen kann, namentlich bis zum Bahnübergang Merzbrück auf der Landstraße L223. Dort wird es Ende 1979 von einem Schwerlastkran in Empfang genommen, der es von seinem fahrbaren Untersatz hebt auf seinen künftigen Stellplatz wuchtet. Beziehungsweise dessen wohnliches Oberteil. Unterbau samt Räder werden nicht mehr gebraucht und sind Altmetall, allerdings von beträchtlichem Gewicht, und somit von beträchtlichem (Schrott-)wert. Das ist gut, denn so lässt sich der Einsatz des Schwerlastkrans finanzieren, im Rahmen eines Tauschgeschäfts: Laufwerk und Bremsanlage gegen Standortwechsel. Die Aktion gerät so spektakulär, dass sogar die Bildzeitung einen Reporter schickt, wie der Bericht in der LVA-Jahresschrift 1979 stolz vermerkt.

Dann beginnt die eigentliche Arbeit: Innenausbau: Die Zweite-Klasse-Bestuhlung wird aus- und eine Theke eingebaut, der Waggon „mit großer Sorgfalt“ isoliert und mit einer Heizung versehen. Drei Monate und 6000.-DM später ist zwar immer noch einiges zu tun, aber erst mal das Geld zuende. So wird das neue Clubheim zum Beginn der Flugsaison 1980 als bezugsfertig deklariert.
Fortan dient der Waggon den bis dato heimatlosen LVA-Mitgliedern als trockene und warme Heimat an kalten Winternachmittagen, feuchten Wochenenden und feucht-fröhlichen Abenden nach dem Flugbetrieb. Im eigentlichen Sinne schön oder gar geschmackvoll ist der Waggon nie, aber zweckmäßig, urgemütlich und bei den Mitgliedern beliebt.
Doch schnell wächst die Erkenntnis, dass er für einen großen Verein wie den LVA deutlich zu klein ist und dass demaltersschwachen Gehäuse voraussichtlich zudem nicht das ewige Leben beschieden sein wird. So gibt es bald erste Überlegungen, was den Waggon als Clubheim ersetzen könnte. Bis es soweit ist, und das neue Jugendheim des LVA eingeweiht werden kann, werden allerdings 10 Jahre ins Land ziehen. Und auch dann wird der alte Eisenbahnwaggon zumindest im internen Sprachgebrauch des LVA lang erhalten bleiben. Noch Jahre später wird der Thekendienst dort „Waggondienst“ heißen.

Quelle:
LVA Jahresbericht von 1980
