15. November
„Heimweh nach Freiheit“ – Der neue LVA

Fünf Jahre nach Kriegsende ist die private Fliegerei in Deutschland immer noch verboten. Die Bundesrepublik ist seit ihrer Gründung 1949 nominell souverän, aber die zivile Luftfahrt unterliegt nach Besatzungsrecht strikter alliierter Kontrolle. Bau und Betrieb von Flugzeugen, die Einrichtung von Fluggeländen und die Gründung von Flugsportvereinen bleiben untersagt, bisweilen trifft es sogar den Modellbau. Befürchtungen vor einem Wiedererstarken Deutschlands und möglicherweise geheimen militärischen Trainings spielen dabei die Hauptrolle.
Dennoch gründet sich ebenfalls 1949 bereits eine „Interessengemeinschaft Aachener Segelflieger“, die sich „voller Hoffnung und mit heißem Herzen“ um die „Wiederzulassung und Zukunft unseres geliebten Sportes“ bemüht und kurz darauf auch schon eine Werkstatt in der Aachener Salvatorstraße einrichtet.

Voran getrieben wird die Wiedergründung vor allem durch Aachener Segelflieger aus der Vorkriegszeit, aber auch ehemalige Lastenseglerpiloten und Jagdflieger aus der Schule der ehemaligen Luftwaffe, die es durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges nach Aachen verschlagen hat. Gemeinsam mit Luftsportlern des alten Aachener Luftfahrt-Vereins von 1926 entschließt sich diese Gruppe zu Ende des Jahres 1950 den Aachener Luftsportverein zu gründen. Zur Versammlung eingeladen hat der Aachener Apotheker (und einstiger Flugplatzkommandant) Ewald König. Die Anwesenden begrüßt er mit einem gehörigen Schuss Pathos:
„Die Flugsehnsucht ist die tiefste Form menschlichen Heimwehs nach Freiheit.“
Ihren Drang nach der Freiheit der Lüfte aber müssen die Möchtegern-Flieger vorläufig noch zügeln: zivile Luftfahrt – Segelflug, Motorflug – bleibt von den alliierten Besatzungsmächten noch über ein Jahr lang verboten, Motorflieger werden sich sogar bis 1955 gedulden müssen. So betont Ewald König:
„Wir vertreten nur Luftsportinteressen, die gesetzlich erlaubt sind, wie Ballonsport und Modellflug. Das Andere,‘ so hofft der Vorsitzende, ‚steht in Kürze bevor.‘ Der Modellflug könne ja jetzt aufgegriffen werden, jedoch der Ballonsport sei vorläufig noch zu teuer.“
Während die Modellflieger also bereits loslegen können (der Ballonsport ist im Verein offenbar nie weiter verfolgt worden), müssen Segel- und Motorflieger ihren Drang zur Freiheit vorerst noch zügeln. Sie nehmen es mit Humor: In der Karnevalssession 1950 laden sie gemeinsam mit den Aachener Akafliegern zum „Fußgängerball“ in die Mensa Academica, inklusive kabarettistischer Darbietungen („Rauschende Musik! Alte und neue Tänze! Gemeinsame Lieder!“). Berauschende Getränke werden in einer Cumulus- und einer Rhöngeist-Bar ausgeschenkt.


Bei der Gründungsversammlung des LVA werden verdienstvolle Mitglieder des einstigen Aachener Luftfahrt-Vereins zu Ehrenmitgliedern ernannt: Carl Springsfeld, Otto Nagel sowie Maximilian Erckens. Wenig später wird auch Théodore Kármán zum Ehrenmitglied ernannt, der 1934 wegen seiner jüdischen Abstammung aus der RWTH gedrängt wurde und sich anschließend gezwungen sah, in die USA zu emigrieren, wo er mittlerweile zum General der US-Armee wurde.
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Warum Luftsportverein?

Glaubt man den Worten des ersten Vereinsvorsitzenden, dann ist der Name Luftsportverein kein Zufall. Im „Verhandlungsbericht über die Gründungsversammlung“ heißt es über Ewald Königs Begrüßungsworte: „Anfang des dritten Reiches seien die Vereine aufgelöst und mit ihren Kassenbeständen in die Fliegerstürme überführt worden. Herr Dr. Koenig sprach über den späteren Missbrauch der Segelflieger und wie sie dann in die militärische Fahrbahn hineingekommen seien. „Darum,“ so betont König, „wollen wir heute Luftsport-Verein heissen.“
Die Begründung erscheint einigermaßen kurios. Offensichtlich ist König bemüht, den wieder gegründeten Verein durch die Namensgebung von den paramilitärischen Strukturen und Zielen der Vorkriegsfliegerei ebenso zu distanzieren wie von der ideologischen Vereinnahmung und vom propagandistischen Missbrauch. Es geht um Sport, nicht um Politik, so steht es auch im §1 der Satzung („Der Verein verfolgt keinerlei politische, religiöse oder militärische Zwecke“). Der Versuch, das durch den neuen Namen zu unterstreichen, wirkt aber nicht überzeugend, waren es doch die alten Luftfahrt-Vereine, die vom NS-Staat aufgelöst, in regionale Luftsportvereine überführt und damit gleichgeschaltet wurden. Eher wäre der Rückgriff auf den alten Namen ein Zeichen der Distanzierung gewesen. Dies aber scheint damals nicht als Problem gesehen zu werden.
Wie schon der Luftfahrt-Verein von 1926 strebt der neue LVA von Beginn eine enge Beziehung zur Akaflieg an. Am gleichen Nachmittag bereits hatte die Akademische Flugsport-Vereinigung Aachen in der TH ihre Gründungsversammlung. Es wird beschlossen, dass die Vorsitzenden der FVA zu allen Vorstandssitzungen des LVA eingeladen werden sollen. Nun könnte es wieder losgehen. Könnte. Doch die Aachener Flieger stehen vor dem gleichen Problem, wie der alte LVA 1926.
Neustart?

Was beiden Vereinen jenseits einer Fluggenehmigung noch fehlt, ist – mal wieder – ein Flugplatz. Am 20. Juni 1951 erlauben die Alliierten Segelflug in der BRD. Zusammen mit der Flugwissenschaftlichen Vereinigung bemüht sich der neue LVA um die Freigabe eines Teils des Flugplatzes Merzbrück.
Viel ist davon nicht mehr übrig: Nach dem Abzug der amerikanischen Besatzer, die den Platz 1945 vorübergehend beschlagnahmt hatten, nutzten örtliche Bauern Bauern das Gelände wieder landwirtschaftlich, was die Stadt Aachen durch Pachtverträge mit den Landwirten 1947 zementierte. Hinzu kommt, dass von den ehemaligen Flughafengebäude nur noch Mauerreste übrig sind. „Die Beschädigung ist derartig, dass eine Instandsetzung ausgeschlossen erscheint“, heißt es dazu 1946 im Schriftverkehr des Aachener Bauamtes. „Im übrigen soll auf dem Flughafengelände in grossem Umfange geplündert worden sein. Es ist daher zu erwarten, dass auch das noch vorhandene Material den gleichen Weg gehen wird.“ Um das offenbar unvermeidliche wenigstens in legale Bahnen zu lenken, wird einem Aachener Maurer erlaubt, die noch vorhandenen Ziegelsteine abzutransportieren und zu verbauen.
