Wanderzirkus LVA, Teil I


Im Februar 1956 übernehmen belgische Militärflieger den Flugplatz Merzbrück: Bereits zwei Jahre zuvor hatte die Besatzungsmacht das Gelände offiziell beschlagnahmt und mit dem Bau von Kasernen und anderen militärischen Gebäuden begonnen (Beschlagnahmebefehl: Aktz. 1/A/2579, Liegenschaftsamt Aachen). Nun zieht das 1. Belgische Fliegercorps zwecks Flugtraining mit 13 Piper Pa18 ein, später werden vier Do 27 folgen und schließlich eine Hubschrauberstaffel aus leichten Alouette-Helikoptern. Zunächst bleibt die zivile Nutzung des Platzes erlaubt, doch wenige Monate darauf entzieht der belgische Kommandant die Genehmigung – „ohne Begründung“, wie es in einer Flugplatzchronik heißt. Die Vereine am Platz sehen sich genötigt, sich nach anderen Möglichkeiten umzuschauen, um in der Region in die Luft zu kommen.

In den folgenden Monaten und Jahren zieht der LVA wie ein Wanderzirkus von Flugplatz zu Flugplatz und sucht nach einer Bleibe im In- und Ausland: Genk, Spa, Zonhoven und St. Hubert in Belgien dienen als Ausweichplätze. Sie bleiben ebenso Episode wie Kirchberg bei Jülich, die Drover Heide bei Düren und Dedenborn bei Simmerath. Bisweilen kehrt man sogar zum guten alten Gummiseilstart zurück mit Gastspielen des SG38 auf dem Hügel in Orsbach (Laurensberg).
Geburtshilfe leisten die heimatlosen Segelflieger auf der Dahlemer Binz, die damals einfach eine große Wiese ist – aber nicht bleiben soll. Im Auftrag des Luftsportvereins Eifelflug führt der LVA deshalb die „Flugerprobung zur Anerkennung eines Flugplatzes“ durch. Weil die ansässigen Eifelflieger zwar viel Ambition aber weder Segelflugzeug noch Winde besitzen, hatte deren Vorsitzender Karl Beckers die Aachener gefragt, ob sie nicht die notwendigen Flüge für die Zulassung der Binz durch die zuständige Landesbehörde mit ihrem Gerät machen könnten. Sie können. Und rücken im Sommer 1956 mit SG38, Baby 2b, Rhönbussard samt Seilwinde zu einem zweiwöchigen Lehrgang an.


„Es muß wohl Südost-Wind gewesen sein, denn wir starteten diagonal aus der unteren Ecke (die sehr sumpfig war)“, erinnert sich Manfred Schultz an den Lehrgang. „An einem der Flugtage verlor der „Kaiser von Merzbrück“ (Spitzname weil er Kaiser hieß) den Flugplatz aus den Augen und machte in Hellental Hangflug. Wir konnten aus weiter Entfernung sehen, wie eine Tragfläche über dem Wald hin und her pendelte. Er landete dann sicher auf einer Wiese.“ Da es auf dem Fluggelände in Spe noch keinerlei Hallen oder sonstige Gebäude gibt, ist die Unterbringung entsprechend rustikal: „Geschlafen wurde in einer Scheune unmittelbar neben dem Flugplatz.“ Nach dem zweiwöchigen Eifelausflug allerdings ziehen die Aachener Wanderflieger weiter.
Baby zwischen Bombern
Eine zwischenzeitliche Heimat findet der Verein auf dem Fliegerhorst Teveren bei Geilenkirchen, wo das Verhältnis zu den dort stationierten britischen Piloten sehr harmonisch ist. Die Flugzeuge dürfen unter der Woche aufgerüstet in den großen Hangars zwischen den britischen Canberra-Bombern parken, ebenso die Winde (Manfred Schultz: „Das wäre beim deutschen Militär nie möglich gewesen“). Versorgt werden die Segelflieger ebenfalls vom britischen Kommiss, erzählt Manfred Schultz: „Wir schliefen in den Kasernen und konnten die Kantine für Frühstück, Mittagessen und Abendessen mit benutzen. In der Kasernen-Kantine erhalten sie preiswert Frühstück, Mittag- und Abendessen.“
Man hilft sich gegenseitig: LVA-Mitglieder reparieren einige konfiszierte Segelflugzeuge für die Briten, so erinnert sich Vereinsmitglied Günther Lücker. „Wir haben den Jetpiloten Segelflugzeuge wieder klargemacht. Und dafür bekamen wir dann ein [Grunau] Baby und wir bekamen einen Rhönbussard von den Engländern. Und die Engländer flogen mit uns an der Winde.“ Als Rückholfahrzeug für das Windenseil dient in dieser Zeit ein Horex-Geländemotorrad.
Doch zu Beginn der 1960er zieht der LVA weiter zum Stolberger Segelfluggelände Diepenlinchen. Erst im Jahr 1962 kehrt der Flugbetrieb nach Merzbrück zurück. Andere Vereine sind da längst wieder am Platz aktiv. Bereits 1957 hatte die FVA beim Commandant du Place Eschweiler eine befristete Genehmigung zur Wiederaufnahme des Flugbetriebes erwirkt und 1958 mit der Bundesrepublik einen „Gestattungsvertrag“ geschlossen, durfte also bereits wieder in Merzbrück fliegen.
Warum dauert es so lang, bis auch der LVA an seinen Heimatplatz zurück kehrt? Weil der LVA keine Schleppmaschine besitzt, am Platz aber ausschließlich F-Schlepp erlaubt ist, kein Windenbetrieb. Das wiederum hat mit dem Anlass für den Rausschmiss zu tun. Denn der war 1956 keineswegs so „grundlos“, wie Zeitungsberichte und spätere Vereins- und Flugplatzchroniken behaupten.
Vorhalten!
War der Seitenwind einfach zu stark oder hat da jemand nicht richtig vorgehalten? Jedenfalls waren bei einem Seilriss Vorseil, Schirm und Teile des Windenseils auf einer Stromleitung gelandet, welche die Kaserne der Belgier versorgte und einen kompletten Stromausfall verursachte. So erinnert sich LVA-Veteran Manfred Schultz an die Ereignisse. Der Zorn auf die unberechenbaren Segelflieger war offenbar so groß, dass der Kommandant nicht nur Windenbetrieb untersagte, sondern den kompletten Segelflug.
Auf Dauer wäre Flugbetrieb per Winde in Merzbrück allerdings auch kaum sinnvoll möglich gewesen: Der Platz ist dafür mit seinen rund 600 Metern viel zu kurz, die Ausklinkhöhen völlig unbefriedigend – zumindest für modernere Flugzeuge. Was für einem Schulgleiter SG38 noch locker reicht, der fast nichts wiegt, ist für einen Bergfalken oder gar ein Kunststoffflugzeug nicht akzeptabel. Um per Winde wieder günstig in die Luft zu kommen, werden sich die Segelflieger in Merzbrück auch nach der Rückkehr zu ihrem Heimatplatz noch gedulden müssen, bis die Startbahn um 10 Grad gedreht und verlängert wird: knapp 60 Jahre lang…






