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1979

Nachwuchsstar mit „Superorchidee“: LVA feiert Deutschen Meister

LVA-Mitglied Manfred Dick siegt bei den Deutschen Meisterschaften in Bückeburg in der Offenen Klasse – und das mit 25 Jahren! Niemand hat mit dem Jungspund gerechnet, nicht einmal das ZDF, das damals ausführlich über den Wettbewerb berichtet. Das Rennen bleibt bis zum letzten Wertungstag spannend, wie der ausführliche Bericht seiner Rückholer zeigt (siehe unten). Aber schließlich verweist Manfred die Platzhirsche Klaus Holighaus und Bruno Gantenbrink auf die Plätze. Bis heute ist Manfred Dick der jüngste Pilot, der jemals die Offene Klasse in Deutschland gewonnen hat. Denn so eine „Superorchidee“ muss man sich erst mal leisten können.

Der Meistertitel wäre für Manfred unerreichbar geblieben, hätte er nicht Unterstützung einer geheimnisvollen französischen Gönnerin erhalten: Sein Flugzeug – ein Nimbus 2 – wird ihm von Lady Enid Paget zur Verfügung gestellt – genannt „die Gräfin“ – einer französischen Adeligen mit Spaß am Segelflug. Über Jahrzehnte fördert sie Nachwuchstalente. Sie bestellt die besten Maschinen, die es damals für Geld zu kaufen gibt (Foka 4, ASW-12), verleiht sie unentgeltlich an talentierte Piloten, die sich kein solches Flugzeug leisten können – und freut sich an deren Erfolgen.

Die geheimnisvolle Gräfin: Lady Paget

Die Geschichte der Gräfin reicht zurück bis in die 1950er Jahre, als sie einige Segelflieger in Angers kennen lernt, wo sie in einem der vielen Schlösser der Umgebung lebt. Mit dem Luftsport hat sie zwar nichts zu tun, aber offenbar findet Lady Enid Gefallen an diesem Hobby und den seltsamen Leuten, die es betreiben. Und da sie aus einer betuchten Familie stammt, kann sie sich diese spezielle Variante von sportlichem Mäzenatentum leisten.

Zunächst sind es ausschließlich französische Segelflieger, die in den Genuss eines Paget-Fliegers kamen, später auch Deutsche wie Hans-Werner Grosse oder Wolfgang Groß. Sie selbst bleibt aber stets im Hintergrund. In der Leistungsflug-Szene kennt man in den 1970ern ihren Namen, weiß aber sonst wenig über sie, sagt Manfred Dick, niemand habe gewusst, was man machen musste, um so ein Flugzeug zu bekommen.

Wie er trotzdem an den Nimbus 2 der Gräfin geriet? Glück im Unglück: eine Außenlandung am ersten Wertungstag der Deutschen Meisterschaften Anno 1973 beschert ihm die Bekanntschaft mit einem von Pagets Förderpiloten:

Ich hatte das Glück, dass ich die Deutschen Meisterschaften fliegen durfte mit dem Flugzeug meines Vaters, einer Kestrel, und habe da Diether Memmert kennengelernt, der dieses Flugzeug der Gräfin flog, das war damals ein Nimbus 2. Dann wurde ich 76 deutscher Meister und Diether Memmert wollte das Flugzeug in andere Hände geben und rief mich an: ‚Komm nach München, kannst den Nimbus haben.‘ Das war ein Anruf vom Himmel, keine Ahnung woher der kam.

Und so habe ich mit 25 Jahren den Nimbus II fliegen dürfen. Das war für mich der Einstieg in die offene Klasse. In der Offenen Klasse sind es meistens ältere Herrschaften, weil die Flugzeuge viel Geld kosten. Das war damals schon so und heute auch. Und ich war der einzige Junior und die anderen waren 40, 50, 60. Ich war der erste Junior, der so ein Flugzeug gesponsert bekam und damit bin ich 1979 Deutscher Meister geworden.“

Mehr zur Geschichte der Echo-Papa-Förderflugzeuge gibt es hier


Im LVA-Jahresbericht 1979 findet sich die Schilderung des kompletten Wettbewerbverlaufs aus der Sicht eines von Manfreds Rückholern. Um wen es sich dabei handelt, ist nicht ganz klar. Hier der Bericht voller Länge. Einige Tipp- und Schreibfehler wurden korrigiert und Grammatik sowie Schreibweisen aktualisiert:

15. DEUTSCHE SEGELFLUGMEISTERSCHAFTEN IN BÜCKEBURG

Für echte Insider war es eigentlich keine Überraschung.Schon vor etlichen Jahren prophezeiten ahnungsvolle Fliegerkameraden, dass Manfred irgendwann mal Deutscher Meister werden müsse, das Gesetz der Wahrscheinlichkeit traf ebenso zu (siehe die Platzierungen der letzten DMs: 9/7/4/1). Vorlaute Rückholer waren so dreist, in Gegenwart der Konkurrenten eindeutige Vorhersagen zu wagen (die natürlich zutrafen). Wenn auch Presse und Fernsehen nicht so recht an Manfred glaubten, indem sie sich mehr auf K. Holighaus und B. Gantenbrink konzentrierten, so wußten es spätestens am Nachmittag des 4.6. alle, die eine hupende Wagenkolonne auf dem Weg von der Autobahnabfahrt Eschweiler nach EDCM überraschte: Der längste und nahezu jüngste Pilot, der den ältesten Nimbus (2b=ordinär) flog, die wenigsten Trainingsflüge absolvierte, jedoch mit Sicherheit die wahnsinnigsten Nerven hat, hat’s geschafft: Manfred Dick ist Deutscher Meister der Offenen Klasse.

Doch wie kam es dazu?

Deutscher Meister der Offenen Klasse Manfred Dick auf dem Siegertreppchen. 2. Platz Klaus Holighaus, 3. Platz Bruno Gantenbrink. (Foto: Manfred Dick)
Deutscher Meister der Offenen Klasse Manfred Dick auf dem Siegertreppchen. 2. Platz Klaus Holighaus, 3. Platz Bruno Gantenbrink. (Foto: Manfred Dick)

Vielfach wurde die D.M. aufgrund der ca. 500 Außenlandungen als die „Meisterschaft der Außenlandungen“ bezeichnet. Es kam also ganz einfach darauf an, entweder keine Außenlandungen zu machen, oder weiter als die Konkurrenz zu fliegen und erst dann zu landen. Genau das tat Manfred.

Schon am 1. Wertungstag setzte er sich an die Spitze der 27 Piloten der Offenen Klasse und verteidigte hartnäckig diese Position. Bereits während dieses ersten 276,2-km-Dreiecks: Bückeburg – Tecklenburg – Würgassen – Bückeburg, zeigte sich, wie fruchtbar das Teamfliegen von Manfred [Rufzeichen: 3W], Dieter Memmert [Rufzeichen: 45] und Sigi Bamgartl [Rufzeichen LD] war. Wenn Sigi auch ein wenig Pech hatte, so beweist doch die Platzierung des 1. Tages (1. Manfred, 2. D. Memmert, 3. K. Holighaus, 4.D. Gantenbrink), daß Teamfliegen eine sinnvolle Sache ist.

Doch nicht nur die Piloten profitierten davon, auch für die Rückholer war die Zusammenarbeit im Team effektiver und machte vor allem unheimlich Laune. Brigitte, Sigi’s Freundin, Rainer und Uschi, Dieter’s Rückholer bzw. Frau waren ganz dufte Kameraden. So konnten wir uns vor, während und nach dem Start fantastisch ergänzen und gegenseitig helfen. Spätestens wenn irgendein Konkurrent die Spezialfrequenz unseres Teams wissen wollte, musste er feststellen, dass der sogenannten „Schwäbischen Mafia“ eine Art „3W-45-LD-Mafia“ gegenüberstand[*]. Zur allgemeinen Atmosphäre ist zu sagen, dass Piloten und Mannschaften den Wettbewerb zwar etwas verkniffener sahen als beispielsweise das „Aachener Vergleichsfliegen“, doch blieb immer noch genügend Zeit zum Blödeln und zu abendlichen Grillfeten.

Da aufgrund des teilweise brutal stabilen oder brutal feuchten Wetters nur an 6 Tagen geflogen werden konnte, blieb reichlich Zeit für zweidimensionale Beschäftigungen. So bot Bückeburg für Kulturbeflissene einige interessante Sehenswürdigkeiten (Mausoleum, Schloß, Hubschraubermuseum), Sportlich ambitionierte versuchten sich in „lockerem“ 50 – 60 km Windschattenfahren hinter dem irre schnell rennradelnden Wolfgang Groß quer durchs Wiehengebirge. Bei dieser Gelegenheit konnte man sich ein gutes Bild über die körperliche Fitness der Konkurrenten machen.

Mutige Freunde der hohen Windsurfkunst versuchten sich unter Rainers (Dieter Memmerts Rückholer) sachkundiger Anleitung im aufrechten Stand auf dem schlüpfrigen Brett und lernten dabei so manche düstere Blicke der verärgerten Sportangler fürchten (der Bazillus „Surfbrettinsis“ hat, wie vielen wohl bekannt, mittlerweile auch einige LVAler kräftig infiziert). Schließlich übten sich andere im frühmorgendlichen Waldlaufen mit anschließendem Endspurt um die Duschen und viele „Ballastmeister“ bezahlten den Mangel an Fantasie mit täglichem „Hochleistungswasserstemmen“, obwohl diese archaische Methode der Flächenbetankung mit simplen Tricks zu umgehen ist.

Doch zurück zum Fliegen:

2. Wertungstag

Obwohl es angesichts der miesen Wetterlage sinnlos war, mit taktischer Warterei am Abflugtor auf den Abflug der Favoriten zu warten, glaubte die Masse der Piloten immer noch, Manfred weniger Beachtung als den vermeintlichen Favoriten, K. Holighaus und B. Gantenbrink, schenken zu dürfen. Das Ergebnis: Es hagelte Außenlandungen und die zweitletzte Außenlandung machte Manfred. Ein nächtliches Abrüsten im Schlamm wurde durch einen 2. Platz von Manfred und Sigi belohnt, die in der selben Pfütze landeten. Die Favoriten, Klaus Holighaus (Rufzeichen: XX und Bruno Gantenbrink (YY – vorwitzige Rückholer nannten Sie: die „Chromosomen“) begnügten sich mit dem 6. und 7. Platz.

Gott sei dank, kein Wertungstag

Am Samstag, dem 26.5., wurde es erstmalig spannend.

Rudi Z. und Jule J., die uns an diesem Wochenende besuchten, teilten mein Entsetzen, als der Außenlandelautsprecher zum ersten mal 3W krächzte. Manfred saß kurz hinter der ersten Wende. Während des Abrüstens spekulierten wir über den vermeintlichen Punktverlust. Doch nach ca. 200 m Fahrt auf der Landstraße winkte uns ein freundlicher Mann mit weißem Hütchen zu. Wir glaubten, ein Gespenst zu sehen. Es war B. Gantenbrink, der auf einem benachbarten Acker sein Fahrwerk benutzen musste. Auf unser Frage, wo denn der Honigklaus (XX) wäre, wusste Bruno von einem rechten Flächenende zu berichten, das ab und zu mal aus einem benachbarten Steinbruch hervorschaute. K. Holighaus schaffte es zwar noch, den Steinbruch und damit dem ‚Carbonbruch‘ zu entrinnen, flog noch einige Kilometer, doch der Tag war für die Offene Klasse ohne Wertung, da niemand das I00-km-Limit erreichte.

3. Wertungstag

Dieser Montag, der 28.5., war der einzige Hammertag, an dem man so richtig flog. 3W-45-LD, deren Positionen wir verschlüsselt abhörten, flogen auf den ersten beiden Schenkeln so knackig, daß wir mit den Berechnungen der Schnitte fast nicht mitkamen. Der letzte Schenkel war ein wenig langsamer. So überließ Manfred Bruno den 1. Platz und begnügte sich mit Platz Nr. 5.

Am folgenden Tag ließ das erhoffte Hammerwetter auf sich warten. Als um 14.45 Uhr endlich neutralisiert wurde, war die Luft so stabil, dass sogar die Segel des Surfbretts lustlos herumbaumelten.

4. Wertungstag

Mickrige Blauthermik trug unsere Piloten gen Norden. Als die Rückkehr von 3W-45-LD rechnerisch unrealistisch wurde, machten sich 3 Nimbushänger auf in die Lüneburger Heide. In der Mitte des Dreiecks warteten wir auf die Landemeldungen. Es war so heiß, dass uns das dreckige Wasser und die darauf tobenden Mücken nicht von einem Bad in der Aller abhalten konnten. Wie erwartet, kam keiner nach Hause.

Da die ersten 10 in einem Abstand von maximal 10-15 Km landeten, konnte Manfreds 10. Tagesplatz seine Spitzenposition nicht gefährden, zumal die „Chromosomen“ an diesem Tag auf Platz 11 und 17 landeten. Dieser Tag bestätigte übrigens die Einschätzung vieler Piloten, dass das Wettbewerbsfliegen mitunter eine „Perversion des Segelflugs“ bedeutet, denn die Lauertaktik bewirkte an diesem Tag wieder, dass ganze Pulks im Saufen kurbelten. Immerhin, der erforderliche 4. Wertungstag war im Kasten. Die Nerven der Konkurrenz wurden mit jedem neutralisierten Tag aufs Höchste belastet. Während wir dem Ende gelassen entgegen sahen, wurden die Meteorologen eifrig um Prognosen für den letzten Tag gebeten. Am Samstag meinte Yves Collier, der Privatmeteorologe von M. Bluekens, nach dem Genuss etlicher Biere in brütender Hitze: „Morgen schneit es!“

5. Wertungstag

Es schneite nicht. Das Aufrüsten an diesem Tag, der in die Geschichte der Segelfliegerei sicherlich als einer der spannendsten und außergewöhnlichsten eingehen wird, wurde zunächst von allen Beteiligten als eine Art „psychologische Pflichtübung“ der Wettbewerbsleitung erachtet. Es war unwahrscheinlich, daß die außergewöhnlich hohe Auslösetemperatur erreicht werden konnte.

Um ein schattiges Plätzchen zu finden, legten wir uns unter schützende Bäume und beobachteten Yves Collier, der eifrig sein Psychrometer schwang, und die aktuellen Temps berechnete. Nach einiger Zeit gab er uns die wichtige Information, dass unter Umstanden die Auslösetemperatur doch erreicht werden könnte. Dies könnte im Laufe des Tages ein Sprengen der Inversion bewirken und höhe Basen und Steigwerte bis zu 5m verursachen. Mit dieser Information versehen, begaben wir uns langsam zur 3W. Allmählich wurden auch die anderen hektisch. Inzwischen erschienen Nöll, Elisabeth und Jule überraschend am Start. (ob sie wohl eine stille Vorahnung von dem Außergewöhnlichen dieses Tages hatten?) Schließlich soll die Offene Klasse zu einem 293,25-km-Dreieck als erste starten. Die Hektik ist perfekt. Bruno schleicht zum ersten mal um die 3W und versucht es mit psychologischer Kampfführung á la: „Bis jetzt war alles Spaß, jetzt wird es Ernst“, oder so ähnlich.

 Empfang des Deutschen Meisters Manfred Dick in der LVA-Halle. (Foto: Manfred Dick)
Empfang des Deutschen Meisters Manfred Dick in der LVA-Halle. (Foto: Manfred Dick)

Als die 3W abhebt, glaubt niemand daran, dass dieser Tag noch eine Wertung bringen könne. Doch die Vögel fliegen, bleiben oben und gehen auf Kurs. Jetzt beginnt das große Warten und Zittern. In der Spitze der Offenen Klasse ist alles offen. Infos dringen nur spärlich nach unten. Es hagelt Außenlandungen. Wir gehen in die Wettbewerbsleitungsbaracke und zittern bei jedem Läuten des Telefons. Das ZDF ruft pausenlos an, um in der Sportreportage aktuelle Daten bringen zu können. Doch während nahezu alle Hänger und Mannschaften auf Rückholtour sind, warten wir auf Neuigkeiten. Ein Gewitter zieht über den Platz und die Spannung steigt von Sekunde zu Sekunde. Wir halten die Ungewissheit nicht mehr aus, und die Hängerkolonne 3W-45-LD fährt hinüber zur anderen Seite des Wesergebirges. Wir halten an dem Hang oberhalb von Rinteln und bekommen plötzlich Funkkontakt. Manfred fliegt noch. Position Hameln. Er hat K. Holighaus fest im Griff. Doch keiner weiß, wo B. Gantenbrink ist.

Kurz vor Sonnenuntergang steigen die noch fliegenden Flugzeuge der Offenen Klasse in eine Welle ein. Der Blick auf die Uhr sagt: aussteigen aus der Welle und Höhe abfliegen. Wir fahren Richtung des voraussichtlichen Landeortes.

Plötzlich haben wir Funkkontakt zum Rückholer XX. Als wir Brigitte Holighaus treffen, weiß diese zu berichten, daß Bruno schon lange gelandet ist. In Gedanken entkorke ich eine Sektflasche. Wir wissen, was andere zu diesemAugenblick nur ahnen können. Manfred hat’s geschafft. Er liegt gemeinsam mit Walter Disele auf einem Riesenacker in der Nähe von Nienburg. Zuhause wird an einem Transparent gebastelt:

DER LVA GRÜSST SEINEN ERSTEN DEUTSCHEN MEISTER!

[*] Schwäbische Mafia: angeblich ein geheimes Kartell, bestehend aus Segelfliegern der südwestlichen Ecke Deutschlands, die sich in den 1970er-90er Jahren zusammen fand, um sich gegenseitig zu unterstützen und so nationale Wettbewerbe zu dominieren. Fällt ins reich jeder Legenden, die (vielleicht) einen wahren Kern beinhalten.