Manfred Dick – Der 1000-Kilometer-Traum
Vom Flugplatzkind zum jüngsten deutschen Meister in der Offenen Klasse: Manfred Dick verkörpert eine Generation von Segelfliegern, die mit persönlichem Einsatz, guten Freunden und außergewöhnlichem Ehrgeiz die Grenzen des Machbaren verschob. 1990 gelang ihm von Aachen-Merzbrück aus der zweite 1000-Kilometer-Flug von deutschem Boden aus, der auch hier wieder endete. In der Reihe Flug-Zeugen erinnert sich der Berliner Architekt und gebürtige Aachener an seine Anfänge, an den legendären Nimbus II der „Gräfin“ und spricht über sein Engagement zur Förderung der nächsten Generation Segelflieger.
„Schuld ist mein Vater“, lacht Manfred Dick, als er erklären soll, wie er zur Fliegerei kam. Sein alter Herr war bereits als Jugendlicher vom Segelflug begeistert und pilgerte in den 1930er-Jahren zur Wasserkuppe. Später nahm er seine Söhne mit auf den Flugplatz, zunächst bei der Segelfluggruppe Nordstern in Frechen, später beim LVA in Aachen. So wuchs Manfred zwischen Flugzeugen und Fliegern auf.
In den 1960er- und 70er-Jahren bildete sich in Aachen eine Gruppe flugbegeisterter Jugendlicher. Manfred erinnert sich an die Lorenz-Brüder, Reinhold Sänger, Manfred Schultz, Herbert Schütz und Rudi Zeller: „Wir waren eine Clique hier in Aachen. Das war eine tolle Zeit, eine tolle Gemeinschaft.“
„Anders als andere…“ – Offen für den Leistungsflug
Für Manfred war entscheidend, dass der Luftsportverein Aachen jungen Piloten Freiräume ließ. „In anderen Vereinen gab es oft eine Ka6, das war die heilige Kuh, die durfte nur am Platz geflogen werden“. Beim LVA dagegen waren von Anfang an Streckenflieger willkommen und Vereinsflugzeuge selbstverständlich auch für den Überlandflug gedacht. So durfte er 1976 mit dem nagelneuen Standard Cirrus des Vereins zu den deutschen Juniorenmeisterschaften – die er prompt auch gewann. „Der Luftsportverein war da anders als die anderen, war offener. Junge Leute waren gewünscht. Gute Erinnerungen. Und ein tolles Flugzeug, der Standard Cirus.“
Diese Freiheit prägte eine Flieger-Generation, die sich gegenseitig anspornte.
„Heute gibt es C-Kader, D-Kader, Trainingslager, Sportsoldaten. Es wird heute ganz anders gefördert. Jeder Landesverband hat Förderflugzeuge. Wir waren hier im Verein aktiv.“
Dazu kam eine Atmosphäre, in der nicht nur gemeinsam geflogen, sondern auch gemeinsam gebaut, organisiert und improvisiert wurde. „Ich glaube, deshalb war der Verein auch erfolgreich.“ Für Manfred war dieses gemeinsame Anpacken keine Nebensache, sondern die Grundlage für sportliche Erfolge.
Die geheimnisvolle Gräfin
Der entscheidende Schritt in Manfreds fliegerischer Laufbahn begann mit einer Außenlandung. 1973 nahm er mit der Kestrel seines Vaters an den Deutschen Meisterschaften teil. „Wenn man jung ist, gibt es nur Sekt oder Selters“, schmunzelt er. „Am ersten Wertungstag war ich der Erste am ersten Wendepunkt und der Erste im Acker.“ – Aber nicht der Letzte, und auch nicht der Letzte auf diesem Acker. Auch die erfahrenen Piloten lagen draußen. Einer von ihnen, Dieter Memmert, parkte mit einem Nimbus II gleich neben Manfred.
Wie er bald erfuhr, gehörte dieser Nimbus II einer französischen Adeligen: Lady Enid Paget, in der Segelflugszene als „die Gräfin“ bekannt. Kaum jemand hatte sie je persönlich getroffen, doch viele wussten, dass sie moderne Hochleistungsflugzeuge besaß und talentierten Piloten zur Verfügung stellte. Zu ihren Flugzeugen gehörten unter anderem eine Foka 4, eine ASW 12 und der Nimbus II. Auch bekannte Piloten wie Hans-Werner Grosse und Wolfgang Groß waren schon in den Genuss gekommen, Maschinen aus ihrem Besitz fliegen zu dürfen.
Ein reguläres Förderprogramm gab es damals nicht. Niemand konnte sich auf eins ihrer Flugzeuge bewerben, kein Gremium entschied über die Vergabe. Es waren persönliche Kontakte, Wettbewerbserfolge und eine große Portion Zufall. Manfred wurde durch seine Leistungen sichtbar. 1975 gelang ihm bei einer Meisterschaft sogar ein Tagessieg gegen die Memmert und den Nimbus. 1976 gewann er die Juniorenmeisterschaft.

Dann kam eines Tages der Anruf von Dieter Memmert: „Willst du den Nimbus II haben?“ Für Manfred war dieser Moment „ein Anruf vom Himmel“. Mit 25 Jahren erhielt er die Möglichkeit, ein Flugzeug zu fliegen, das in der damaligen Offenen Klasse zur absoluten Spitze gehörte. Die Abholung in München wurde zum eigenen Abenteuer. Manfred fuhr von Aachen aus mit einem der ersten Golf-Diesel (50 PS) und einer nachträglich montierten Anhängerkupplung. „Ich hatte wirklich eine feuchte Hose, wenn man das sagen darf.“
1979 gewann Manfred Dick mit dem Nimbus II die Deutsche Meisterschaft in der Offenen Klasse und ließ die favorisierten Platzhirsche Klaus Holighaus und Bruno Gantenbrink hinter sich. „In der Offenen Klasse sind es meistens ältere Herrschaften, weil die Flugzeuge viel Geld kosten. Das war damals schon so und heute auch. Ich war der einzige Junior und die anderen waren 40, 50, 60. Und deshalb bin ich heute immer noch der jüngste Pilot, der je diese Klasse in Deutschland gewonnen hat – auch wenn ich etwas älter geworden bin.“
Ein Flugzeug als Verpflichtung
Die Erfahrung mit dem Nimbus II wurde zum Ausgangspunkt einer Förderidee. Gemeinsam mit Dieter Memmert und weiteren Mitstreitern entwickelte er das Projekt Echo Papa (nach den Initialen von Enid Paget). Junge Piloten unter 25 sollten die Möglichkeit bekommen, ein Hochleistungsflugzeug zu fliegen – so wie Manfred selbst einst diese Chance erhalten hatte. Die Gräfin war von der Idee so begeistert, dass sie versprach, den deutschen Fliegern eine hohe Summe zu vererben (ein Versprechen, das sie einige Jahre später einlöste).
Die erste Echo Papa war eine LS 4, der erste Förderpilot der spätere Europameister Peter Fischer, ein Aachener. Später wurde ein Nimbus 4 angeschafft. Zu den Förderpiloten gehörte Michael Sommer, der mit diesem Flugzeug in die Offene Klasse einstieg und später vielfacher Deutscher Meister und Weltmeister wurde. Das Förderprojekt besteht bis heute.
Die aktuelle Echo Papa ist ein Nimbus 4 Turbo. Manfred Dick verfolgt die Entwicklung mit sichtlicher Freude. Der erste Förderpilot dieses neuen Flugzeugs war Felix Herold, der 2025 in den Alpen 2012 Kilometer flog. „Da krieg ich jetzt Gänsehaut, weil wir das alles organisiert haben.“
Der zweite Tausender
Es ist der Traum eines jeden Segelfliegers: 1000 Kilometer, auch heute noch. „1000 Kilometer ist immer noch eine Marke“, nickt Manfred. Es hat lange gedauert, bis jemand von Deutschland aus diese Strecke bewältigte. Der erste Pilot war Hans-Werner Grosse. Er startete 1972 von Lübeck aus und landete kurz vor Biarriz, 1460 Kilometer in elf Stunden. Großartige Leistung, aber freie Strecke mit Rückenwind. Der erste, der in Deutschland startete und nach dem Tausender auch wieder in Deutschland landete, war Klaus Holighaus,1979 von der Hahnweide aus. Danach vergingen elf Jahre, bis einem Piloten ein 1000er-Flug erneut gelang: Manfred Dick

Am 5. Mai 1990 startete er während des 25. Aachener Vergleichsfliegens in Merzbrück gemeinsam mit seinem Vereinskameraden Herbert Zimmermann in einer ASH 25. Die Aufgabe führte in Richtung Paris, anschließend nach Solingen und zurück nach Aachen. Insgesamt kamen mehr als 1000 Kilometer zusammen.
Die Entscheidung für den Flug fiel kurzfristig. Eigentlich wollte Manfred an dem Tag mit seiner Frau mit dem Twin Astiran die Mosel fliegen, um seinen Geburtstag zu feiern. Doch am Vortag zog Hammerwetter aus Frankreich auf. Manfred rief Freddy Hion an, der Meteorologe der Belgischen Heeresflieger am Platz. Hion hatte am nächsten Morgen Dienst und gab um sieben Uhr die entscheidende Empfehlung: „Du musst nach Paris, aus Richtung Paris, kommt das Wetter.“
Gemeinsam mit Herbert Zimmermann plante Manfred die Strecke zunächst taktisch. Industriegebiete sollten am Morgen und Abend als mögliche thermische Starthilfen dienen. Doch der Tag entwickelte sich besser als erwartet. Schon am Vormittag lagen die Wolkenbasen über 2500 Metern, später erreichten sie rund 3000 Meter. „Das war unglaublich“, erinnert er sich. „Das war ein außergewöhnlicher Tag.“
Der Flug war nicht nur eine persönliche Bestmarke, sondern ein Einschnitt im deutschen Streckensegelflug. Das Eis war gebrochen: Einen Monat später flog auch Dieter Hefter von Merzbrück aus 1000 Kilometer. Danach wurde der Tausender nicht normaler, aber allmählich häufiger. Heute erfliegen junge Piloten mithilfe moderner Wettermodelle und digitaler Flugplanung noch weit größere Distanzen. Manfred sieht den entscheidenden Fortschritt weniger bei den Flugzeugen als bei den Informationen: „Das ist der Schlüssel: Wetter und auch die Routen. Die Jungs leben mit den Informationen. Du siehst genau, der eine hat drei Meter, der andere hat fünf Meter. Der säuft ab. Und fliegen können die alle. Konnten wir, glaube ich, auch früher, aber die haben heute mehr Informationen. Früher hatten wir zur Navigation eine Shell-Karte auf Papier. Wir wussten gar nicht, wo wir waren.“
Von Merzbrück in die Welt
Manfreds fliegerische Erfahrung beschränkt sich längst nicht auf Deutschland. Er flog in Arizona, Neuseeland, Australien, Südafrika, natürlich auch in Südfrankreich. Nach einer gut zwanzigjährigen Familienpause hat Manfred seit einiger Zeit die Segelfliegerei wieder angefangen, in den letzten Jahren vor allem im Segelfliegerparadies Namibia fliegerische Besonders die Wüste fasziniert ihn: Wolkenstraßen und Konvergenzen ermöglichen dort Strecken, die in Mitteleuropa kaum vorstellbar sind. In Namibia liegt der Durchschnitt (!) nach sieben Flugtagen schon mal bei gut 1200 Kilometern. Allerdings staunt Manfred über die Unverfrorenheit junger Piloten, die in Namibia gleich am ersten Tag 1000 und am zweiten 1200 Kilometer fliegen. Ein Förderpilot habe mit einer LS 8 sogar 1600 Kilometer geschafft. „Die machen das mit Links. Das ist eine andere Generation.“
Trotz allen Wettbewerbs und trotz aller Rekorde – was ihn am Segelflug am meisten fasziniert, ist das Zusammenspiel aus Meteorologie, Taktik, Wettbewerb und Einsamkeit: „Oben alleine zu sein, wirklich alleine zu sein, finde ich immer noch ein Erlebnis.“ Ein Flug über Neuseeland ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Am Mount Cook stieg er in einer Welle auf 9800 Meter. Den Wettbewerb ließ er dafür sausen: „Das Erlebnis hat man nur einmal.“ Zwei Stunden blieb er in der Höhe und genoss die Aussicht auf die Insel. „Ich glaube, das nimmst du mit ins Grab.“
Das Interview wurde aufgezeichnet am 21. März auf dem Flugplatz Würselen-Aachen (Merzbrück)


