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Flug-Zeugen

Günther Lücker – Vom Kohlenschacht in den Himmel

In der ersten Folge der Reihe „Flugzeugen“ erzählt LVA-Mitglied Günther Lücker von seiner Entdeckung der Segelfliegerei als 15-jähriger Bergmann-Lehrling Mitte der 1950er Jahre, der damals eher lockeren Ausbildung, von seinen ersten Überlandflügen im „L-Spatz“, seinen Erlebnissen mit Flugdrachen und beim Paragliding und seinen Stolz, als seine Tochter ihren ersten Alleinflug im Segelflugzeug machte. 66 Jahre lang flog Günther alles, was in der Sportfliegerei Flügel hat. Die Reihe „Flugzeugen“ ist ein Projekt im Rahmen des 100-jährigen LVA-Jubiläums 2026.

Die Pünktchen am Horizont

Es ist ein Sommertag in den 1950er Jahren. Günther Lücker ist 15 Jahre alt und arbeitet als Lehrling in der Zeche Maria Hauptschacht bei Alsdorf. Zusammen mit anderen Lehrlingen füllt er Eisenbahnwaggons mit Kohlenschlamm – 25 Tonnen pro Schicht. Die Arbeit ist monoton, die Aussichten düster. Doch dann sieht er sie: kleine Pünktchen am Horizont. „Ich wollte wissen, was da ist. Die kamen hoch und verschwanden wieder, kamen hoch und verschwanden wieder.“ Diese rätselhaften Punkte lassen ihn nicht los. Mit dem Fahrrad macht er sich auf die Suche und findet sie schließlich: belgische Motorflugzeuge auf dem Flugplatz Merzbrück.

(Foto: Günther Lücker)

Am Wochenende kehrt er zurück: „Dann bin ich da hin und habe gesehen, dass da Segelflug war, bin da mitgeflogen und der erste Start gefiel mir ganz toll.“ Mit gerade 15 Jahren macht Günther seinen ersten Segelflug mit Fluglehrer Günter Lehmann als Pilot. Es ist ein kurzes Vergnügen, nur wenige Minuten lang sieht er die Welt zum ersten Mal von oben, dann ein steiler Endanflug per Slip, Landung. Aber für Günther ändert es: alles.

„Ich bin so froh, dass ich die Segelfliegerei entdeckt habe. Es waren so viele schöne Erlebnisse,“ freut er sich noch fast sieben Jahrzehnte später: „Es ist fantastisch, wenn man so durch die Luft gleitet und den nächsten Aufwind wiederfindet, gemeinsam mit Vögeln sich hochkurbelt. Es waren 66 Jahre und ich habe es genossen.“

Flucht und der Neuanfang

Um zu verstehen, wie einschneidend die Entdeckung der Fliegerei für Günther war, muss man seine Geschichte von vorn erzählen. Sie beginnt mit Krieg und Vertreibung. Nach dem Zweiten Weltkrieg flieht Günthers Familie aus Ostdeutschland.

Foto: Günther Lücker

Sein Vater und seine Mutter trennen sich. Die Familie landet zunächst im Münsterland, dann in Jülich, wo Günthers Großvater in einem ausgebombten Gartenhaus lebt. Die Mutter zieht mit ihren Söhnen dorthin, um die Großmutter zu unterstützen.

In Jülich beginnt für Günther die Schule – und dort zeigt sich schnell: Das traditionelle Schulsystem ist nicht sein Weg. In Englisch und Latein bekommt er jeweils eine Fünf. Mit solchen Noten ist die Zukunft in Deutschland der 1950er Jahre schnell vorgezeichnet. Mit 15 Jahren beginnt Günther eine Lehre im Steinkohlenbergbau. Weil er noch nicht 16 ist, darf er noch nicht in den Schacht einfahren und unter Tage arbeiten. Deshalb muss er zusammen mit anderen Lehrlingen am Verladebahnhof Kohlen in Waggons schippen. Für ihn ein glücklicher Zufall, denn nur so sieht er diese Pünktchen am Himmel.

Unter Tage – Die Grenze des Erträglichen

Mit 16 lernt Günther, warum die Altersgrenze für Unter-Tage existiert. Er arbeitet in einem nur 80 Zentimeter breiten Streb, einem Kohlenabbaubereich, der fast senkrecht nach unten führt. Die Bedingungen sind hart: Es ist staubig, heiß – etwa 30 Grad mit hoher Luftfeuchtigkeit. Tonnenschwere Felsbrocken stürzen herab, die Bergleute nennen sie „Sargdeckel“.

Foto: Günther Lücker

In einem einzigen Jahr verunglücken drei Lehrlinge tödlich. Viele weitere werden schwer verletzt. Günther ist bei einer Beerdigung dabei, wird in eine Bergmannsuniform gesteckt, muss den Sarg eines Kollegen tragen.

Nach nur drei Monaten unter Tage trifft Günther eine Entscheidung: „Ich dachte, das ist zu gefährlich, das mache ich nicht mit.“ Er kündigt und findet schnell eine andere Stelle. Doch egal, wie es beruflich weiter geht – für ihn ist klar: Er will fliegen. Diese Leidenschaft wird zur Richtschnur für seine beruflichen Entscheidungen.

Günther beginnt eine Elektrikerlehre. Er möchte Funker auf einem Handelsschiff werden, dafür braucht man eine Elektrikerausbildung. Doch dann wird ihm: Wer ständig mit einem Schiff unterwegs ist, kann nicht segelfliegen. Also wechselt er zur Maschinenbau-Schule. Er besucht Abendkurse, um seine Ausbildung zum Ingenieur zu machen. Die Fliegerei ist nicht ein Hobby neben dem Beruf. Sie ist der Zweck, nach dem er seinen Beruf wählt.

Wanderjahre

Es muss 1956 gewesen sein, vielleicht auch 1957 als Günther dem Luftsportverein Aachen beitritt. Es sind die Jahre, in denen der Verein zwangsweise auf Wanderschaft geht und an verschiedenen Flugplätzen gastiert, eine ganze Weile lang in Teveren, dem Militärflugplatz, auf dem damals die Briten mit ihren Canberra-Bombern stationiert sind. Die Jahre in Teveren sind geprägt von Abenteuer und Kameradschaft. Die Gemeinschaft ist freundlich, die Flugbegeisterung ansteckend:

Foto: Günther Lücker

„Wir bekamen von den Engländern die nach dem Krieg einkassierten Segelflugzeuge so langsam zurück. Wir haben den Jetpiloten Segelfluge wieder klargemacht und repariert. Und dafür bekamen wir dann ein [Grunau] Baby und wir bekamen einen Rhönbussard. Und die Engländer flogen mit uns an der Winde. Die haben riskante Sachen gemacht. Die waren ja Kampfpiloten. Denen war die Segelfliegerei wahrscheinlich zu langweilig. Und die haben uns oft erschreckt, aus 200 Meter Höhe sind die auf den Start zugestoßen, haben dann ein Looping gemacht und saßen dann wieder im Gras. Und das mit einem Baby!“

Den Rhönbussard liebt Günther besonders: „Man war so mit dem Flugzeug verbunden, weil man Teil des Rumpfes war. Man guckte nur mit dem Kopf raus. Und die Steuerung war sehr direkt auch.“ Diese direkte Verbindung zwischen Pilot und Maschine wird für ihn zum Ideal der Fliegerei.

1959 erhält Günther seine Segelfluglizenz. Die Theorieprüfung läuft damals sehr, nun ja, unkonventionell ab, schmunzelt Günther: 30 Kandidaten in einem Hörsaal der RWTH, vorn stellt der Prüfer Fragen, und irgend jemand beantwortet sie jeweils. „Zum Schluss hatten dann alle bestanden“.

Abenteuer Anno 1959: Überlandflug ohne Karte

Ein Fliegerkamerad hat es vorgemacht, im September 1959 macht Günther ihm nach: Überlandflug mit einem L-Spatz – ohne Karte, ohne Funk, ohne Kompass. Die Thermik an diesem Tag ist gut, bis 1700 Meter steigt er auf und fliegt mit Rückenwind Richtung Westen. Bald ist er über Maastricht, wo er einem kreisenden Bussard in den nächsten Aufwind folgt. Stundenlang fliegt er über wolkenlosem Himmel, bis er eine größere Stadt sieht – Tongeren vermutet er. Schließlich landet er auf einem abgeernteten Getreideacker an der Maas bei Namur.

Foto: Günther Lücker

Es dauert nicht lang, da ist die Polizei zur Stelle. Die weiß nicht, was sie mit ihm anfangen soll und überlässt Günther seinem Schicksal. Der hat nichts mitgenommen: Keinen Ausweis, kein Geld zum Telefonieren, keinen Pullover – und als die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, wird es schnell kühl.

Doch dann hilft ihm ein älterer Belgier – ein Mann, der während des Krieges als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden war und dort Deutsch gelernt hatte. Dieser Mann bringt ihm Essen und eine wärmende Decke, während Günther auf seine Rückholer wartet: „Der hat sich wirklich um mich gekümmert. Und er hatte keinen Hass auf die Deutschen. Das sind die guten Europäer, die dann später gemeinsam die Europäische Gemeinschaft aufgebaut haben.“

Das Abenteuer in Belgien zahlt sich aus: Er schafft er es nicht nur in die Lokalzeitung, sein Flug an die Maas bringt ihm die Silber-C ein, damals eine heiß begehrte Auszeichnung, der Ritterschlag für angehende Leistungsflieger.

Günther erlebt die rasante Entwicklung von Holzflugzeugen zu modernen Kunststoffmaschinen. Der Rhönbussard bleibt sein Favorit unter den klassischen Maschinen. Später fliegt er gerne die LS4, noch lieber den Discus. Doch die Leistung ist nicht das Wichtigste für ihn: „Jeder Flug ist anders, weil das Wetter sich immer ändert. Es ist immer interessant gewesen.“

Neben der leisen Fliegerei entdeckt Günther bald auch die Flugzeuge mit Lautstärkeregler und Windmacher: Er macht den Motorsegler- und den Motorflugschein und gehört bald zur Runde der regelmäßigen Schleppiloten.

…Alles, was fliegt…

Nach Jahrzehnten des Segel- und Motorfliegens entdeckt Günther neue Dimensionen der Fliegerei. Mit Drachen fliegt er zehn Jahre lang, vor allem in den Alpen. Eines der vielen unvergesslichen Erlebnisse: Am Monte Grappa in den Dolomiten kreisen zwei Steinadler, und Günther fliegt mit ihnen. Das ist für ihn das Besondere an der Drachenfliegerei: „Die Leistung ist natürlich ganz anders. So ein Drachen hat ein Gleitverhältnis von vielleicht 1:10. Das Schöne ist, man kann selber aufbauen und rennt eine abschüssige Wiese runter und plötzlich zieht es einen dann hoch und man fliegt.“

Foto: Günther Lücker

Aber es geht noch weiter: Auf der Wasserkuppe entdeckt er das Gleitschirmfliegen für sich, „ein Riesenspaß“. Mit seiner Frau Lore erkundet er die Alpen, sie am Boden, er vom Gleitschirm aus. Lore fotografiert Blumen, während er zwei bis drei Stunden fliegt und am Badesee landet, wo sie anschließend gemeinsam schwimmen gehen.

Günthers Tochter Susi wächst mit dem Flugbetrieb auf. Mit 13 Jahren hilft sie beim Schrauben und Reparieren, mit 14 macht sie ihren ersten Flug. Sie wird Bauingenieurin – die technische Ausbildung beginnt auf dem Flugplatz. Günther erinnert sich mit besonderer Freude an Susis ersten Alleinflug Für ihn ist das spannender als sein eigener erster Alleinflug: „An meine ersten Alleinflüge kann ich mich nicht mehr erinnern, sind weg. Aber mit Sicherheit war es aufregender, als die Tochter das erste Mal alleine flog.“

Abschied von der Fliegerei

Foto: Günther Lücker

Mit 85 Jahren beendet Günther seine aktive Fliegerei, und das sehr bewusst. Sein letzter schöner Flug sind zwei Stunden mit der LS4. Dann hört er auf. Nicht aus Mangel an Liebe zur Fliegerei, sondern aus Verantwortung: „Mein Kurzzeitgedächtnis war nicht mehr gut und ich wollte nicht irgendwelchen Blödsinn auch machen bei der Fliegerei.“

Für ihn ist das Kapitel abgeschlossen, sagt er, und scheint dabei sehr mit sich im Reinen. Noch einmal fliegen? Nein, auch nicht mitfliegen, schüttelt er den Kopf – und hält dann kurz inne: „Vielleicht, wenn ich 90 werde, schenken mir meine Kinder zum Geburtstag ja vielleicht einen Fallschirmsprung…“


Das Interview mit Günther Lücker entstand am 11. Februar 2026 in Düsseldorf