Frühjahr
Braune Zeiten: Das Ende des Luftfahrt-Vereins
So geht Totalitarismus: Unmittelbar nach ihrer Machtübernahme in Berlin beginnen die Nationalsozialisten mit der Gleichschaltung aller wichtigen gesellschaftlichen Institutionen – und die Luftfahrt ist besonders wichtig, als Symbol der „nationalen Wiedererstehung“, wie es pathetisch im NS-Sprech hieß, aber auch ganz praktisch als (gar nicht so) geheime Reserveluftwaffe für die geplante militärische Aufrüstung, das größte industrielle Projekt des Dritten Reiches.
Bereits im März 1933 wird die bisherige Dachorganisation, der Deutsche Luftfahrtverband aufgelöst, durch den Deutschen Luftsportverband (DLV) ersetzt und an das Luftfahrtministerium unter Reichsmarschall Herrmann Göring angegliedert. Die bis dato selbständigen Luftfahrt-Vereine sollen auf diese Weise zentral gesteuert und auf Linie getrimmt werden. Offiziell ist der DLV der nationale Dachverband für den Luftsport, in Wirklichkeit dient er als paramilitärische Tarnorganisation dem Aufbau und der Nachwuchsrekrutierung der Luftwaffe. Die ist nach dem Versailler Vertrag zwar verboten, aber der NS-Staat braucht Piloten, und die soll vor allem der Segelflug liefern.

Die Folgen für die angeschlossenen Vereine sind drastisch, auch für den LVA. Aufgrund fehlender Unterlagen ist es schwierig zu beurteilen, ob seinen Mitgliedern bewusst ist, welche Auswirkungen die von der NSDAP in die Wege geleiteten Änderungen haben werden, welchem Zweck sie dienen, und ob sie es gutheißen, wenn sie es gewusst oder geahnt haben. Hat es intern Diskussionen gegeben, Kritik, gar Protest? Vereinsaustritte? Überliefert ist davon jedenfalls nichts. Und offiziell zeigt man sich gegenüber der neuen Linie aufgeschlossen: In der Generalversammlung des Luftfahrt-Vereins Aachen 1933, wenige Tage nach den Ankündigungen, begrüßt Vereinspräsident Scheuer „mit besonderer Freude, dass unsere neue nationale Regierung der ganzen deutschen Luftfahrt einen neuen Impuls gibt. Herr Reichsminister Göring hat selbst das neugegründete Reichskommissariat in die Hand genommen und tatkräftig schon in so kurzer Zeit die Ordnung der Dinge eingeleitet.“
Bei den Vorstandswahlen wird denn auch ein „Herr Nacken-Jülich als Mitglied der nationalsozialistischen Fliegergruppe einstimmig gewählt.“ Er wird 4. Präsident des Vereins. Von Widerspruch vor, während oder nach der Versammlung berichtet die Presse nichts.
Nur einen Monat nach der Generalversammlung meldet die Aachener Presse die Gründung des Luftfahrtvereins Regierungsbezirk Aachen:
„Im Einklang mit den Richtlinien des Deutschen Luftsportverbandes haben sich die nationalen Luftsportvereine des Regierungsbezirks Aachen zu einem einheitlichen Verein zusammengeschlossen.“
Neben dem LVA handelt es sich dabei um die Akademische Fliegergruppe der Technischen Hochschule, den SA-Fliegersturm Bezirk Aachen, die Abteilung Segelflug des Polizeisportvereins Aachen, die Luftfahrtvereine Aachen-Land, Jülich, Düren, Geilenkirchen, sowie die Segelfluggruppe Roetgen. Sämtliche beitretenden Vereine verlieren durch den Zusammenschluss ihre Eigenständigkeit und hören de Facto auf zu existieren. Ihre Mitglieder, Vereinskapital und Flugzeugparks werden in den neuen Luftfahrtverein überführt, der wiederum dem Deutschen Luftsportverband angegliedert ist. Der bisherige LVA firmiert fortan unter der Bezeichnung „Fliegerortsgruppe Aachen-Stadt des deutschen Luftsport-Verbandes e.V.“
Bei der Generalversammlung hatte LVA-Präsident Scheuer auch diese Entwicklung ausdrücklich begrüßt:
„Wir sehen gerade in einer Grenzstadt wie Aachen in der Zusammenfassung aller Kräfte zur Förderung des deutschen Fluggedankens einen bedeutenden Fortschritt. Wir sind jedenfalls bereit, mit allen Kräften zusammenzuarbeiten, die sich in den Dienst des neuen nationalen deutschen Luftgedankens stellen.“
Quellen:
Aachener Anzeiger vom 30.3.1933
Aachener Post vom 30.3.1933
Echo der Gegenwart vom 24.4.1933
Pauline Bietau: „Volk, flieg du wieder!“ Die Geschichte des Fliegens auf der Wasserkuppe bis 1945. Hessische Landeszentrale für politische Bildung. Wiesbaden 2023
