1926

16. Juli

Fliegen tut Not

Am Tag nach der Gründungsversammlung des Luftfahrt-Vereins Aachen e.V. berichtet die Aachener Presse in ganzseitigen Artikeln über die Anwesenheit von zahlreicher Lokalprominenz: „Im weißen Saale der Erholung waren gestern an zweihundert Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nahezu aus allen Gebieten versammelt.“ (Quelle: Aachener Anzeiger vom 17.7.1926)

Die Gründung des Luftfahrt-Vereins Aachen e.V. war keine kleine Sache. Dem Verein zu „Förderung der Luftfahrt auf allen Gebieten unter besonderer Berücksichtigung der Belange des Aachener Bezirks“ (§1 der Vereinssatzung) wurde von den Zeitgenossen große Bedeutung für Wirtschaft, Wissenschaft und Renommé der Region beigemessen. Das große Ziel war nicht weniger als der Anschluss Aachens an das nationale und internationale Luftverkehrsnetz, vorzugsweise über die wenige Monate zuvor gegründete Deutsche Luft Hansa – und zwar von einem eigenen Aachener Flughafen aus. Dem Anlass angemessen, berichtete die Aachener Lokalpresse in ganzseitigen Artikeln über die Gründungsversammlung am 16.7.1926, auch überregionale Zeitungen melden die Neugründung. Schon bald darauf beginnt der LVA mit emsigen Aktivitäten.

Der Oberbürgermeister lässt sich mit dem Ausdruck des Bedauerns entschuldigen und schickt seinen Stellvertreter. Davon abgesehen ist im „Weißen Saale der Erholung“ an diesem Juliabend alles vertreten, was in der Aachener Wirtschaft, Wissenschaft und Politik Rang und Namen hat. Unter den 200 Gästen erspäht der Reporter des Aachener Anzeigers den „Regierungspräsidenten Dr. Rombach, verschiedene Beigeordnete und Beamte des städtischen Verkehrsamtes, den Rektor und den Prorektor der Technischen Hochschule mit mehreren Professoren sowie Mitglieder der flugwissenschaftlichen Vereinigung, dann die Vertreter der Handelskammern Aachen und Stolberg, sowie außer den beiden Generalkonsuln Cüpper und von Pelser-Berensberg, den Oberpostdirektionspräsidenten Conradi, Prof. Dr. Polis, bedeutende Vertreter von Handel und Industrie.“

Auch der Vorstand des neuen Vereins ist prominent besetzt: Erster Präsident (von vieren) wird Ludwig Scheuer, seines Zeichens beigeordneter Aachener Bürgermeister und stellvertretender Polizeipräsident. Ein weiterer Präsident ist Konteradmiral a.D. Otto Kranzbühler, im Weltkrieg Kommandeur der deutschen Marineflieger. Zum ersten geschäftsführenden Vorsitzenden wird der Flugpionier Otto Nagel gewählt, Inhaber des traditionsreichen Weinverlages Nagel&Hoffbaur. Schatzmeister wird der Bankdirektor Maximilian Warlimont. Nadefabrikant Leo Lammertz leitet die Motorflugabteilung, Kommerzienrat Georg Talbot, Chef des gleichnamigen Waggonbauers, den Flugplatzausschuss. Carl Springsfeld steht dem Segelflugausschuss vor, beruflich Ingenieur und Inhaber des Rennauto- und Motorenherstellers Fafnir. Vorsitzender des Ballonausschusses wiederum ist Max Erckens, vielleicht nicht ganz zufällig weil er Tuchfabrikant ist.

Viele, wenn nicht die meisten dieser notablen Herrschaften kennen sich untereinander aus der „Erholungsgesellschaft Aachen“, einem noblen Gesellschaftsclub Aachener Bürger (ausschließlich für Herrn). Dass die Gründungsversammlung des LVA im „weißen Saal der Erholung“ stattfindet, dürfte dementsprechend ebenfalls kein Zufall sein.

Die hohe Dichte an Lokalprominenz ist nicht überraschend, denn die Erwartungen an den neuen Verein sind hoch: „Wenn gestern zur Gründungsversammlung die höchsten Spitzen der hiesigen Behörden erschienen, so auch wohl darum, weil sie von dem neuen Verein erwarten, daß er sich in erster Linie der Schaffung einer günstigen Position Aachens im internationalen Luftverkehr mit aller Entschiedenheit widmen möge“, schreibt das Echo der Gegenwart am nächsten Tag. „Um das Ziel zu erreichen, bedarf der neue Verein jedoch dringend der Mitarbeit der gesamten Aachener Wirtschaft, die sich nicht der Erkenntnis wird verschließen können, daß die Überwindung von Zeit und Raum in der Zukunft im Produktions- und Absatzprozeß eine noch weit größere Rolle spielen wird als bisher.“

Prominente Unterstützung dafür kommt auch aus der Wissenschaft: Die RWTH genießt einen exzellenten Ruf in der Luftfahrtforschung. Als Zentrum der deutschen Luftfahrtforschung an der Technischen Hochschule will Aachen vorn mitspielen bei der „Eroberung des Luftmeeres“, wie es damals heißt. Dafür stehen Namen wie Théodore Kármán, Wolfgang Klemperer und Hugo Junkers. Der Professor und Flugzeug-Industrielle betrieb in seinem TH-Institut einen der ersten Windkanäle Deutschlands und beliefert vom Produktionsstandort Dessau aus nicht nur die frisch gegründete Luft Hansa mit fortschrittlichen Ganzmetallflugzeugen. Bereits 1925 hatte er versprochen, „als früherer Aachener Bürger seiner Heimatstadt beim Aufbau des Luftverkehrs behilflich zu sein“.

Der Grund für so viel Engagement und Optimismus liegt in der wachsenden Bedeutung der Luftfahrt in den 1920er Jahren. Flugzeuge und Luftschiffe gelten als Verkehrsmittel der Zukunft und als wichtiger Wirtschaftsmotor in einer benachteiligten Region, die in der Nachkriegszeit ins Hintertreffen geraten ist. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg ist das Rheinland von Alliierten besetzt, die allgemeine Luftfahrt jahrelang untersagt. 1926 wird das Verbot erstmals gelockert. Die Gründung des LVA ist eine direkte Reaktion hierauf. Auch Symbolik spielt eine Rolle: Flieger, Flugzeuge und Flugzeugbau sind Teil des wiedererstarkten Nationalstolzes.

Ein Flughafen muss her!

Um das zu erreichen, lautet die wichtigste Forderung: Aachen braucht einen Flughafen, um Anschluss an das nationale und internationale Flugverkehrsnetz zu bekommen! Hugo Junkers hatte darauf hingewiesen, dass sich durch die Eroberung der dritten Dimension die Bedeutung der geografischen Lage nachhaltig ändert: „Bedenken Sie, daß es in der Luftfahrt keine Binnenstädte mehr gibt, daß Aachen eine Luftseestadt ist, von der es genau so wie von Hamburg und Neuyork aus möglich ist, die ganze Welt sich zu erobern!“ Wo aber soll der entstehen? Die ersten Flugversuche im Aachener Umland wurden Anfang des Jahrhunderts in der Brander Heide unternommen, südlich der Innenstadt. Für das Zukunftsprojekt Aachener Flughafen aber ist Merzbrück ausersehen. Die Felder neben dem kleinen Weiler zwischen Eschweiler und Broichweiden dienten den deutschen Heeresfliegern im Weltkrieg als Feldflugplatz zur Versorgung der Westfront. Aktuell werden sie von den alliierten genutzt, vor allem den Belgiern

 

Noch aber gilt striktes Flugverbot westlich des Rheins. Ab und an gibt es einzelne Überfluggenehmigungen nach vorheriger Anmeldung und gründlicher Prüfung durch die Besatzungsmächte – nichts, was einen regulären Flugbetrieb erlauben würde. Bei der Gründungsversammlung hofft der junge Verein, bereits im gleichen Jahr einen Flugtag organisieren zu können. Den wird es auch geben, allerdings auf der anderen Seite der deutschen Grenze im benachbarten Vaals.