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1926

16. Juli

„Fliegen tut Not!“ Die Gründung

Luftfahrt-Verein sucht Flugplatz

Der Aachener Weinhändler und Flugpionier Otto Nagel ist der erste geschäftsführende Vorsitzende des frisch gegründeten Luftfahrt-Vereins Aachen e.V. (LVA). Schon vor dem ersten Weltkrieg hatte er sich mit dem Bau von Flugmaschinen befasst und darüber offenbar eine gewisse Bekanntheit erlangt, wie die Autogrammkarte vermuten lässt. Sein Flugzeugführerpatent trägt die Nummer FAI 3078 und stammt aus dem Jahr 1917. Darüber hinaus ist wenig über ihn bekannt. (Foto: Archiv Forschungsflugplatz Würselen-Aachen GmbH, SW-Original und Farbversion des Bildes KI-bearbeitet)
Der Aachener Weinhändler und Flugpionier Otto Nagel ist der erste geschäftsführende Vorsitzende des frisch gegründeten Luftfahrt-Vereins Aachen e.V. (LVA). Schon vor dem ersten Weltkrieg hatte er sich mit dem Bau von Flugmaschinen befasst und darüber offenbar eine gewisse Bekanntheit erlangt, wie die Autogrammkarte vermuten lässt. Sein Flugzeugführerpatent trägt die Nummer FAI 3078 und stammt aus dem Jahr 1917. Darüber hinaus ist wenig über ihn bekannt. (Foto: Archiv Forschungsflugplatz Würselen-Aachen GmbH, SW-Original und Farbversion des Bildes KI-bearbeitet)

Die Geburt des Luftfahrt-Vereins Aachen e.V. war keine kleine Sache. Das zeigt nicht nur das rege Medieninteresse, das die Gründungsversammlung hervorruft. Groß sind die Erwartungen der Zeitgenossen an den jungen Verein zur „Förderung der Luftfahrt auf allen Gebieten unter besonderer Berücksichtigung der Belange des Aachener Bezirks“ (§1 der Vereinssatzung) – für Wirtschaft, Wissenschaft und Renommee der Grenzregion. Das Ziel ist nicht weniger als der Anschluss Aachens an das nationale und internationale Luftverkehrsnetz, vorzugsweise über die wenige Monate zuvor gegründete Deutsche Luft Hansa – und zwar von einem eigenen Aachener Flughafen aus. Dem Anlass angemessen, berichtete die Aachener Lokalpresse in ganzseitigen Artikeln über die Gründungsversammlung am 15. Juli 1926, auch überregionale Zeitungen vermelden die Nachricht.

Der Oberbürgermeister lässt sich mit dem Ausdruck des Bedauerns entschuldigen und schickt seinen Stellvertreter. Davon abgesehen ist im „Weißen Saale der Erholung“ an diesem Juliabend alles vertreten, was in der Aachener Wirtschaft, Wissenschaft und Politik Rang und Namen hat. Unter den 200 Gästen erspäht der Reporter des Aachener Anzeigers den „Regierungspräsidenten Dr. Rombach, verschiedene Beigeordnete und Beamte des städtischen Verkehrsamtes, den Rektor und den Prorektor der Technischen Hochschule mit mehreren Professoren sowie Mitglieder der flugwissenschaftlichen Vereinigung, dann die Vertreter der Handelskammern Aachen und Stolberg, sowie außer den beiden Generalkonsuln Cüpper und von Pelser-Berensberg, den Oberpostdirektionspräsidenten Conradi, Prof. Dr. Polis, bedeutende Vertreter von Handel und Industrie.“

Auch der Vorstand des neuen Vereins ist prominent besetzt: Erster Präsident (von vieren) wird Ludwig Scheuer, seines Zeichens beigeordneter Aachener Bürgermeister und stellvertretender Polizeipräsident. Ein weiterer Präsident ist Konteradmiral a.D. Otto Kranzbühler, im Weltkrieg Kommandeur der deutschen Marineflieger. Zum ersten geschäftsführenden Vorsitzenden wird der Flugpionier Otto Nagel gewählt, Inhaber des traditionsreichen Weinverlages Nagel&Hoffbaur. Schatzmeister wird der Bankdirektor Maximilian Warlimont. Nadefabrikant Leo Lammertz leitet die Motorflugabteilung, Kommerzienrat Georg Talbot, Chef des gleichnamigen Waggonbauers, den Flugplatzausschuss. Carl Springsfeld steht dem Segelflugausschuss vor, er ist Ingenieur und Inhaber des Rennauto- und Motorenherstellers Fafnir. Vorsitzender des Ballonausschusses wiederum ist Max Erckens, vielleicht nicht ganz zufällig, weil er Tuchfabrikant ist.

Viele, wenn nicht die meisten dieser notablen Herrschaften kennen sich untereinander aus der „Erholungsgesellschaft Aachen“, einem noblen Gesellschaftsclub Aachener Bürger (ausschließlich für Herrn). Dass die Gründungsversammlung des LVA im „weißen Saal der Erholung“ stattfindet, dürfte dementsprechend ebenfalls kein Zufall sein.

Die hohe Dichte an Lokalprominenz ist nicht überraschend, denn es geht nicht einfach darum, einen neuen Sportverein aus der Taufe zu heben, betont das Echo der Gegenwart am folgendenTag:

„Wenn gestern zur Gründungsversammlung die höchsten Spitzen der hiesigen Behörden erschienen, so auch wohl darum, weil sie von dem neuen Verein erwarten, daß er sich in erster Linie der Schaffung einer günstigen Position Aachens im internationalen Luftverkehr mit aller Entschiedenheit widmen möge. Um das Ziel zu erreichen, bedarf der neue Verein jedoch dringend der Mitarbeit der gesamten Aachener Wirtschaft, die sich nicht der Erkenntnis wird verschließen können, daß die Überwindung von Zeit und Raum in der Zukunft im Produktions- und Absatzprozeß eine noch weit größere Rolle spielen wird als bisher.“

Der Grund für so viel Engagement und Optimismus liegt in der wachsenden Bedeutung der Luftfahrt in den 1920er Jahren. Flugzeuge und Luftschiffe gelten als Verkehrsmittel der Zukunft und als wichtiger Wirtschaftsmotor in einer benachteiligten Region, die in der Nachkriegszeit ins Hintertreffen geraten ist. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg ist das Rheinland von Alliierten besetzt, die allgemeine Luftfahrt jahrelang untersagt. 1926 wird das Verbot erstmals gelockert. Die Gründung des LVA ist eine direkte Reaktion hierauf. Auch Symbolik spielt eine Rolle: Flieger, Flugzeuge und Flugzeugbau sind Teil des wiedererstarkten Nationalstolzes.

Ein Flughafen muss her!

Titelblatt der ersten LVA-Satzung von 1926 samt Vereins-Logo. Die Ähnlichkeit zum stilisierten Kranich der ebenfalls 1926 gegründeten Luft Hansa ist vielleicht nicht ganz zufällig, ging die deutsche Nationalfluglinie doch zum großen Teil aus der Junkers Luftverkehr AG hervor. Hugo Junkers wiederum war als Förderer eng mit dem Luftfahrt-Verein Aachen verbunden. (Quelle: Landesarchiv NRW, BR1005/122)
Titelblatt der ersten LVA-Satzung von 1926 samt Vereins-Logo. Die Ähnlichkeit zum stilisierten Kranich der ebenfalls 1926 gegründeten Luft Hansa ist vielleicht nicht ganz zufällig, ging die deutsche Nationalfluglinie doch zum großen Teil aus der Junkers Luftverkehr AG hervor. Hugo Junkers wiederum war als Förderer eng mit dem Luftfahrt-Verein Aachen verbunden. (Quelle: Landesarchiv NRW, BR1005/122)

Um das zu erreichen, lautet die wichtigste Forderung: Aachen braucht einen Flughafen, um Anschluss an das nationale und internationale Flugverkehrsnetz zu bekommen! Wo aber soll der entstehen? Die ersten Flugversuche im Aachener Umland wurden 1909 in der Brander Heide unternommen, südlich der Innenstadt. Für das Zukunftsprojekt Aachener Flughafen aber ist Merzbrück ausersehen. Die Felder neben dem kleinen Weiler zwischen Eschweiler und Broichweiden dienten den deutschen Heeresfliegern im Weltkrieg als Feldflugplatz zur Versorgung der Westfront. Aktuell werden sie von den alliierten genutzt, vor allem den Belgiern.

Von Beginn an strebt der Luftfahrt-Verein dazu eine enge Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule und vor allem mit der Flugwissenschaftlichen Vereinigung an: In §1 der Satzung heißt es: 

„Zweck des Vereins ist die Förderung der Luftfahrt auf allen Gebieten unter besonderer Berücksichtigung der Belange des Aachener Bezirks, in Anlehnung an das Aerodynamische Institut der Technischen Hochschule zu Aachen.“

Prominente Unterstützung dafür kommt auch aus der Wissenschaft: Die RWTH genießt einen exzellenten Ruf in der Luftfahrtforschung. Als Zentrum der deutschen Luftfahrtforschung an der Technischen Hochschule will Aachen vorn mitspielen bei der „Eroberung des Luftmeeres“, wie es damals heißt. Was liegt da näher als für die theoretische Wissenschaft und Forschung einen Ort für die praktische Anwendung einzurichten, einen Forschungsflugplatz also (auch wenn der damals noch nicht so heißt)?

Dafür setzen sich hoch dekorierte Namen der Luftfahrtforschung, wie Aerodynamik-Professor Theodore Kármán ein. 1927 schreibt er:

„Ein gut eingerichteter und betriebsfähiger Flughafen bildet auch die Vorbedingung zur Errichtung einer Flugversuchsanstalt in Ergänzung des Aerodynamischen Instituts, wie es seitens der Technischen Hochschule seit langem geplant ist. Das Aachener Aerodynamische Institut hat dadurch, daß es die Grundlagen der Flugtechnik theoretisch und durch Laboratorien-Experimente untersucht, einen Weltruf erworben, und der Leiter des Aerodynamischen Instituts betrachtet es als eine notwendige und äußerst wünschenswerte Ergänzung, daß das Institut auch Gelegenheit hat, Versuche im fliegenden Flugzeug durchzuführen. Dies würde einerseits die Ausbildung der Flugzeugingenieure außerordentlich fördern, andererseits der Forschung neue Bahnen eröffnen.“

Hierdurch könne Aachen zu einer „Zentralstelle für die im Westen früher oder später sich ansiedelnde Flugindustrie werden.“

RWTH-Professor und LVA-Förderer Hugo Junkers (Mitte) nach seiner Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt Aachen auf der Freitreppe des Rathauses mit Senatoren der Stadt Aachen.(Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-06220 / CC-BY-SA 3.0)
RWTH-Professor und LVA-Förderer Hugo Junkers (Mitte) nach seiner Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt Aachen auf der Freitreppe des Rathauses mit Senatoren der Stadt Aachen.(Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-06220 / CC-BY-SA 3.0)

Hugo Junkers gehört ebenfalls zu den lautstarken Förderern eines Aachener Flughafens. Der Professor und Flugzeug-Industrielle betrieb in seinem TH-Institut einen der ersten Windkanäle Deutschlands und beliefert vom Produktionsstandort Dessau aus nicht nur die frisch gegründete Luft Hansa mit fortschrittlichen Ganzmetallflugzeugen. Bereits 1925 hatte er versprochen, „als früherer Aachener Bürger seiner Heimatstadt beim Aufbau des Luftverkehrs behilflich zu sein“. Den Worten wird Junkers in den folgenden Jahren immer wieder Taten folgen lassen.

Noch aber gilt ein allgemeines Flugverbot westlich des Rheins.  Ab und an gibt es einzelne Überfluggenehmigungen nach vorheriger Anmeldung und gründlicher Prüfung durch die Besatzungsmächte – aber keine Starts oder Landungen in dem besetzten Gebiet, und schon gar nichts, was einen regulären Flugbetrieb erlauben würde.

Bei der Gründungsversammlung hofft der junge Verein, noch im gleichen Jahr einen Flugtag in Aachen organisieren zu können und bereits zwei Wochen später meldet die Presse, ein Flugtag sei für Ende August geplant, zu dem sich sogar Weltkriegspilot Ernst Udet angesagt habe. Die Meldung stellt sich aber dann doch als übereilt heraus. Kurz darauf ist von September die Rede, aber auch das Vorhaben scheitert. Selbst die persönliche Entsendung einer Reihe von Mitgliedern zum zuständigen Reichskommissar bei der Rheinlandkommission in Koblenz bleibt fruchtlos. „Hier wurde den Herren erklärt, daß einstweilen die Genehmigung zur Abhaltung von Flugtagen nicht erteilt werden könne“, berichtet das Echo der Gegenwart. „Außerdem wurde mitgeteilt, daß schon etwa 30 Gesuche der gleichen Art abgewiesen worden wären.“ Einen Flugtag wird es Ende 1926 dann doch noch geben, allerdings auf der anderen Seite der deutschen Grenze im benachbarten niederländischen Vaals.

Immerhin, es gelingt dem LVA offenbar, eine Sondergenehmigung für einige Rundflüge von Aachen aus zu bekommen. Ende Oktober 1926 schwebt in Merzbrück eine Junkers F13 aus Dessau ein, darin die Ehefrau des Herrn Professor persönlich. Ausführlich schildert ein Reporter des Aachener Anzeigers das Erlebnis, die Grenzregion as der Luft zu bestaunen:

„Leicht hob sich das Flugzeug vom Boden und stieg rasch auf 800 Meter hinauf. Schon sah man Höngen unter sich, schwarze Kohlenhalden hoben sich aus den bunten Herbstfarben der Felder, Wiesen und Wälder, Mariadorf wurde überflogen und der Neubau des Knappschaftskrankenhauses in Bardenberg.

Im Bogen ging’s über die Soers auf Aachen zu. Der langgeschwungene Rücken des Lousberges hob sich auf, gekrönt von der Belvedere. Dann die Kuppel des Münsters, die Türme des Rathauses und der Kirchen und an der Peripherie der Stadt. Maschinenhallen, Schornsteine, Fabriken. Wieder ein Bogen und da war der Bahnkörper, das Hochhaus, der Hauptbahnhof und Rothe Erde.

Und nun hinein in die Eifel. Bald lag Stolberg unter uns, und abseits war Eschweiler zu erkennen. Dann taten die ersten Berge und Hochwälder sich auf. In der Buntheit der Jahreszeit liegen Schevenhütte gebettet und Langerwehe. Herüber winkt die Lauffenburg.

Unter einer schweren Wolkenbank hervor fallen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne in das Aachener Gefilde. Dann biegt die Maschine wieder ein. Zur Seite Hochöfen und Halden von Weisweiler. Der Motor setzt langsam aus. Die Geschwindigkeit von 150 Kilometer nimmt leise ab, und bald setzt sich der Vogel wieder sanft auf die Erde.

Wie viele Aachener werden das alles in den nächsten Tagen erleben! Das Wetter bessert sich, das Barometer klettert. Heute kommt die zweite Junkers„F 13“ in Merzbrück an. Und nun los zum Rundflug!“ (Aachener Anzeiger vom 26.10.1926)

Der LVA als Lobbyverein

In den folgenden Wochen und Monaten entfaltet der junge LVA zahlreiche Aktivitäten, und die bleiben nicht auf die Organisation von Flugtagen und Rundflügen beschränkt. Vor allem Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit scheint die ersten Jahre zu dominieren. Die Sitzungsprotokolle des Vorstands oder der einzelnen Fachgruppen wie Segelflug, Motorflug, Ballonsport sind nicht überliefert, und nur wenig interner Schriftverkehr. Was sich finden lässt, sind zum einen professionell aufbereitete Unterlagen und Merkblätter des LVA-Flugplatzausschusses für Präsentationen und Vorträge, mit denen die geografischen und wirtschaftlichen Vorteile eines künftigen Aachener Flughafens aufgezeigt werden sollen: Karten, Skizzen und Lagepläne, die unterstreichen, dass „nach eingehenden Studien das Gelände bei Merzbrück als das für einen zukünftigen Flugplatz des Aachener Wirtschaftsgebiets einzig geeignete“ sei.

Zumindest in der Öffentlichkeit rennt der LVA damit offene Türen ein: Ganzseitige Presseartikel beschäftigen sich mit der Aussicht auf einen Flugplatz für Aachen (dass im Vorstand des Vereins auch der Chefredakteur einer Aachener Zeitung zu finden ist, schadet bei der Verbreitung der Vereinsanliegen sicher nicht).

In die gleiche Kerbe schlägt eine Denkschrift, die vom LVA 1927 verfasst und in gedruckter Form in Umlauf gebracht wird: „Aachen ist die einzige Großstadt Deutschlands, die dem Luftverkehrsnetz noch nicht angeschlossen ist“, heißt es mahnend im Vorwort, um sodann sieben Bereiche aufzuzeigen, die einen Aachener Flugplatz erforderlich machen:

„a) Anschluß der Stadt Aachen und der benachbarten Industriegebiete an den deutschen und internationalen Luftverkehr.
b) Sitz einer zu gründenden Luftverkehrs-G.m.b.H. Aachen.
c) Errichtung wissenschaftlicher Versuchs- und Lehrabteilungen der Technischen Hochschule Aachen.
d) Flugzeugaufstiege zu wissenschaftlichen Beobachtungen der öffentlichen Wetterdienststelle Aachen.
e) Ansiedlung von Luftfahrzeug-Baufirmen und einer Fliegerschule.
f) Sportliche Betätigung des Luftfahrt-Vereins Aachen E.V.
g) Anflug der Badestadt Aachen bei Rundflugveranstaltungen des Deutschen Luftfahrt-Verbandes oder der Fédération Aéronautique International [FAI].
h) Veranstaltung von Flugtagen seitens der Flughafen-Verwaltung.“

Auch diese Denkschrift findet offenbar weite Verbreitung und Widerhall in der Presse. Dass es sich bei diesen Plänen nicht um reine Luftnummern handelt, wird unterstützt durch die Tatsache, dass Aachen im gleichen Jahr zum ersten Mal im Linienflugplan der Deutschen Lufthansa erscheint (Linie 4 Aachen-Köln), auch wenn es praktisch noch nicht umgesetzt werden kann aufgrund des Besatzungsstatuts – und, weil der Flugplatz für einen regulären Liniendienst erst ausgebaut werden muss. Das hindert den LVA nicht daran, schon einmal weiter zu träumen. In der Denkschrift wird schon mal ein ganzes Luftliniennetz vorgeschlagen:

„1. Aachen—M.Gladbach—Krefeld—Duisburg.
2. Aachen-Düsseldorf-—Ruhrgebiet.
3. Aachen-Bonn-Koblenz.
4. Aachen—Trier (Luxemburg)—Saarbrücken.
5. Aachen-Brüssel-Ostende.
6. Aachen-Rotterdam.“

Die Chancen für ein solches umfassendes Luftverkehrsnetz in die Region und das benachbarte Ausland zeichnet die Denkschrift in den rosigsten Farben: „Die Tage eines rentablen und mächtigen Luftverkehrs werden kommen und die deutschen Großstädte, deren Flugbetriebs-Gesellschaften den Nahverkehr in ihrer erprobten Hand haben, werden den weniger unternehmungslustig gewesenen Nachbarstädten erheblich Wasser abgraben können. Sichert sich die Aachener Flugbetriebs-Gesellschaft den Luftverkehr westlich des Rheins, so wird Aachen sich damit in Zukunft einen nicht zu verachtenden machtpolitischen Faktor zu wirtschaftlichem Aufschwung sichern.“

Als Ort für den künftigen Flugplatz für Aachen favorisiert die Denkschrift klar Merzbrück. Nicht nur, weil dort bereits ein Flugfeld existiert, sondern weil die Alternative nicht verlockend scheint: das Brander Feld, auf dem bereits vor dem Ersten Weltkrieg erste Flugversuche durchgeführt wurden. „Trotz der größeren Nähe an Aachen scheidet letzteres Gelände auch aus, weil es nur mit unverhältnismäßig höheren Kosten einzuebnen ist und weil es zum Aachener Industriegebiet wesentlich ungünstiger liegt. Auch fehlt ihm die für eine weitschauende Entwicklung nötige Größe, die nicht mehr zu schaffen ist.“

Lobbymaterial des LVA: Köln hat schon einen Großflughafen, Aachen soll nicht hintan stehen (Quelle: Landesarchiv NRW: BR1005 Nr. 26)
Lobbymaterial des LVA: Köln hat schon einen Großflughafen, Aachen soll nicht hintan stehen (Quelle: Landesarchiv NRW: BR1005 Nr. 26)

Alles scheint also für Merzbrück zu sprechen.

Allerdings mahnen die Autoren Zügigkeit bei der Umsetzung an, denn „bei der geradezu stürmischen Entwicklung des Luftverkehrs bedeutet 1 Jahr mehr wie 5 Jahre in anderen Fragen. Ob Aachen im Frühjahr 1928 oder 1929 leinen Flughafen eröffnen wird, kann von entscheidender Bedeutung für alle Zukunft werden.“ Gefahr sehen die Autoren vor allem durch Zögerlichkeit bei den zuständigen Genehmigungsstellen in Stadt, Landkreis und mangelnder Unterstützung der Preußischen Verwaltung, sowie beim rheinischen Konkurrenten Köln, wo – passend am Himmelfahrtstag – der Kölner Großflughafen bereits für den zivilen Luftverkehr eröffnet wurde, vorangetrieben von Kölns umtriebigen Oberbürgermeister Konrad Adenauer. 

Dennoch wird es weitere drei Jahre und viel Überzeugungsarbeit dauern, bis der Traum vom Aachener Flughafen Wirklichkeit wird.


Quellen:

Echo der Gegenwart vom 17.7. und 8.9.1926

Aachener Anzeiger vom 17., 30.7. und 26.10.1926

Landesarchiv NRW, BR1005 Nr. 26, BR1005/122

Rüdiger Haude: Aachen – eine „Luftseestadt?“ Lokale Luftfahrt unter belgischer Besatzung (1920 bis 1929). In: Ines Soldwisch, Stefan Schmitz (Hgg.): Zwischen den Zeiten – Besatzung und Aufbruch in Aachen 1919 bis 1932. Zeitenreise Sammlung Crous, Schriftenreihe 15. S. 157-163

Josef Knieper: Von Fliegern, Flugzeugen und Flugplätzen. 74 Jahre Luftsportverein Aachen e.V. (1950-1999), Aachen 2000