Frühjahr
Himmlische Blumengrüße: Die erste Aachener Flugschule


Der Luftfahrt-Verein Aachen gründet eine sogenannte Flugübungsstelle und schafft dafür eine einmotorige, zweisitzige Klemm L25a an. Als Fluglehrer wird der junge Flugpionier Richard Perlia angestellt. Der ist in Aachen bald bekannt wie ein bunter Hund, fliegt mit der kleinen 20-PS-Klemm bis zur Zugspitze und wird später als Testpilot noch für Aufsehen sorgen.

Richard Perlia stammt aus Aachen. Der 26-jährige Sohn eines Zigarrenfabrikanten hat bis dahin unter anderem in Böblingen beim Flugzeughersteller Klemm gearbeitet und ist eng mit Leo Lammertz befreundet, mit dem er die Schulbank gedrückt hat. Der wiederum ist Vorsitzender der Motorflugabteilung des Luftfahrt-Vereins Aachen. Gemeinsam gründen die beiden eine Flugschule im Auftrag des LVA. Lammertz, Sohn eines Aachener Nadelfabrikanten, setzt sich über LVA-Vizepräsidenten Ludwig Scheuer mit dem Oberbürgermeister in Verbindung und holt die notwendige Genehmigung der Stadtverwaltung ein. Das geht problemlos, denn Scheuer ist zugleich beigeordneter Aachener Bürgermeister. Als Schulmaschine erwirbt der Verein zusätzlich zur Junkers Junior eine brandneue zweisitzige Klemm L25a mit einem 25-PS-Daimler-Motor.
Die Zahl der Flugschüler scheint aus heutiger Perspektive zunächst überschaubar: Vier sind es in den ersten zwei Monaten, bis zum Jahresende insgesamt 8, „darunter 1 Holländer und 1 Engländer“, wie die Presse bemerkt.
„Ein Schüler konnte den Schein erwerben; von den übrigen Schülern erhielten 4 gegen Ende des Jahres den Zwischenschein. 7 Schüler befinden sich noch in der Ausbildung, von denen zwei Anfang des Jahres 1932 ihre Zwischenprüfung mit Erfolg ablegten.“
Die Zahl der Schulstarts ist allerdings beachtlich: Innerhalb von viereinhalb Monaten vermeldet der LVA den 1000. Start, im Schnitt 8 Starts täglich und insgesamt 120 Stunden Flugzeit mit 2200 Überlandflugkilometern.
Neben seiner Fluglehrertätigkeit bleibt Perlia jedenfalls genug Zeit, um sich immer wieder als Pilot für diverse Werbeaktionen und PR-Stunts einspannen zu lassen. Gleich mehrfach berichtet die Aachener Presse über die „Sensation“ vom Abwurf des Spielballs aus dem Flugzeug bei örtlichen Fußball-Derbys:
„Der bekannte Kunst- und Sportflieger R. Perlia überflog das Feld in schnellem und wendigem Fluge und warf den Ball geschickt in die Mitte des Fußballplatzes. Danach betraten die Mannschaften Blau-Weiß Lintert— Alemannia Aachen (…) das Feld.“

Beliebt ist auch der Gruß aus der Luft mittels Blumenstraußabwurf, zum Beipsiel anlässlich der Eröffnung des Haus Grenzwacht (das Verwaltungsgebäude der Stadt mit der Wettersäule am Aachener Hauptbahnhof) oder ein anbendlicher Überflug anlässlich der Saison-Eröffnung des Capitol-Kinos, bei dem er aus dem Flugzeug Leuchtkugeln verschießt. Ein nächtlicher Flugzeugschlepp über Aachen mit der Klemm und dem Segelflugzeug „Biene“ samt Raketenfeuer und Scheinwerferbefeuerung durch die Aachener Schutzpolizei wird von tausenden Nachtschwärmern verfolgt, so berichtet das Echo der Gegenwart: „Diese Nacht wird wohl mancher Aachener auf dem Dach seines Hauses verweilt oder wenigstens sich ein hochliegendes Fenster ausgesucht haben, um den nächtlichen Fliegerbesuch beobachten zu können, der nach 10 Uhr abends angesagt war. Viel junges Volk hatte sich natürlich zu den höher gelegenen Stellen der Alleen, zum Langen Turm und insbesondere auf den Lousberg begeben, dort war an der Pyramide die reinste Volksversammlung.“
Bei Flugshows demonstriert Perlia seine Flugfähigkeiten in der Disziplin des „Ballonrammens“. So berichtet der Aachener Anzeiger im Juni 1932 beeindruckt:
„Man ließ mehrere Male zwei zusammengebundene Luftballons steigen, die dann der Pilot mit dem Propeller zu zerstören versuchte. Die kleine Klemm bewies dabei eine ganz erstaunliche Wendigkeit. Herr Lammertz ging mit seinem 100 PS Pander-Hochdecker ebenfalls auf die Ballonjagd. Herr Perlia machte dann auf der Klemm noch einige Kunstflugübungen. Er ließ die Maschine trudeln, drehte Loopings und Immelmann-Turn [heute als Chandelle bekannt]. Schließlich stellte er mitten auf dem Platz den Motor ab und bewies, daß man auch mit einem Motorflugzeug segeln kann.“
Aufsehen erregt er zudem 1932 mit seiner spektakulären Landung auf Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze. „Eine Flugleistung […], die allenthalben größte Bewunderung und Anerkennung hervorgerufen hat “ (Aachener Anzeiger).

Die Flugschule scheint gut zu laufen, allerdings gehen beide Schulmaschinen des Vereins binnen eines dreiviertel Jahres zu Bruch, Zunächst Mitte 1932 die nicht versicherte Junkers Junior – und das kurz vor einem Flugtag! Im Februar 1933 erwischt es dann auch noch die Klemm bei einem Überlandflug in die Alpen. Das Flugzeug wird zwar ersetzt, aber weil eine Flugschule laut Vorschriften mindestens zwei Schulmaschinen benötigt, der Luftfahrt-Verein aber kein Geld für eine weitere Maschine hat, muss die Schule Ende Juli 1932 nach etwas mehr als einem Jahr schließen und Perlia als Fluglehrer entlassen. Das ist schade, bekümmert ihn aber nicht sonderlich. Er geht weiter seinen fliegerischen Weg und wird später Testpilot bei der DVL werden, der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Berlin-Adlershof.
Quellen:
Richard Perlia: Mal Oben, mal unten. Das brisante Leben des Testpiloten Richard Perlia. Schiff und Verlagsbuchhandlung 2002
Echo der Gegenwart vom 14.4.1931, 13.6.1931, 15.6.1931, 2.4.1932, 8.12.1932, 1.9.1933
Aachener Anzeiger vom 2.5.1932, 6.6.1932, 5.8.1932, 16.9.1932
